zweifelturm
Dienstag, 5. März 2013
Warum ich jetzt blogge
Die Zeit des Bloggens sei vorbei, sagen manche. Nicht wenige ehemalige Blogger haben sich aufs Twittern verlegt, andere, die nie gebloggt haben, schreiben bei Facebook. Warum also habe ich mir nun ein Blog zugelegt?

Ich erinnere mich gut daran, wie ich vor rund zehn Jahren am Leipziger Literaturinstitut zu studieren begann. Mein Kommilitone und Autorenkollege Bov – seit Jahren hier bei antville aktiv – versuchte, mich zum Bloggen zu überreden.
Meine Antwort: „Das nimmt mir die Zeit fürs Schreiben.“
Sollte heißen: Ich kenne mich doch! Ich bin niemand, der einen Text aus dem Ärmel schüttelt, und wenn ich erst mal angefangen habe zu bloggen, geht das zu Lasten meiner Arbeit an Romanen und Kurzgeschichten – also der wirklichen, der wichtigen Literatur. Dazu kam mein Selbstverständnis als Autor, das verlangte, fürs Schreiben bezahlt zu werden. Was ich tat, sollte nicht Hobby sein, sondern Beruf. Das galt auch für kürzere Texte, die ich für Zeitungen schrieb.

Doch nun, nach gut zehn Jahren schriftstellerischer Tätigkeit, bin ich es leid, mich zwangsweise in die Verwertungskette einzugliedern und die damit verbundenen Frustrationen zu ertragen. Bei Büchern heißt das: mitunter jahrelang an einem Text zu arbeiten, diesen anzubieten, monatelang auf eine Antwort zu warten, die dann häufig in einer knappen Formabsage besteht, nicht selten, trotz freundlicher Nachfrage, nie wieder etwas von einem Verlag zu hören. Und dies (so viel Selbstvertrauen darf sein) unabhängig von der Qualität des Textes.

Ein Literaturagent, der wegen meines aktuellen Buch-Projekts mit verschiedenen Verlagen sprach, schrieb mir frustriert:

Lektoren, mit denen ich spreche, sagen immer das Gleiche: "Wir brauchen nur noch - und zwar nur noch Spitzentitel." Lektoren starren entsprechend immer auf die aktuelle Bestsellerliste und überlegen sich ein Me-To-Produkt. Aufbauarbeit, Autorenpflege etc. findet nicht mehr statt, Risiken werden nicht mehr eingegangen, der Glaube an ein Skript nützt nichts mehr, wenn der Vertrieb den Daumen senkt und vielleicht hast Du eine Ahnung davon, wie phantasielos Vertriebsleute diesbzgl. sind. Autoren, die nach zwei Büchern nicht durchstarten, werden rigoros rausgeschmissen und im Idealfall durch einen schwedischen oder us-amerikanischen Autor ersetzt.

Ich bin bei vielen Stoffen, die ich prüfe sicher: Die finden ihre Leser, aber ich habe seit knapp einem Jahr auch die Ahnung, dass ich für diesen Stoff keinen Publikumsverlag mehr finden werde, der sich traut, das Buch zu verlegen. Das war vor einigen Jahren noch anders. […]

Das hat nichts mit der Qualität der Stoffe zu tun, sondern nur mit der Nachfrage aus den Häusern. Eine sehr frustrierende Entwicklung, die auch mich in eine Rolle bringt, die ich nicht mag, denn ich muss Autoren absagen, deren Stoffe ich schätze, muss mich von Autoren trennen, für deren Stoffe ich vor zwei Jahren noch Chancen gesehen habe. Im Grunde agiere ich wie ein verlängerter Arm der Verlage und kann nicht gegensteuern, da die Entscheidungshoheit und Produktionsmittel in den Händen der Verlage liegen.


Nun ist ein Blog nicht der Ort, um einen Roman oder, wie bei meinem aktuellen Projekt, einen 150-seitigen Essay zu veröffentlichen. Doch auch bei Zeitungsartikeln sieht es häufig nicht besser aus: Ich schreibe weniger tagesaktuelle Auftragsarbeiten als vielmehr Polemiken, Glossen, kleine Feuilletons. Texte, die man nicht wegen des Themas nimmt, sondern bei denen alles an der Umsetzung hängt. Das heißt auch hier: schreiben, anbieten, auf eine Antwort warten; irgendwann nachhaken, schließlich, wenn überhaupt, eine Absage bekommen und sich an die nächste Zeitung oder Zeitschrift wenden. Manchmal dauert es Monate, bis der Text erscheint; manchmal ist der geeignete Zeitpunkt für eine Veröffentlichung längst verstrichen. Das Honorar, falls der Artikel erscheint: meist ein Witz.

Im Mai vergangenen Jahres dann der erste Anstoß, zu bloggen: Ich war auf dem Reunion-Konzert von Plan B, einer West-Berliner Band, die mir Ende der Achtzigerjahre viel bedeutet hat. Ich stand auf dem Konzert, in meinem Kopf begann sich ein Artikel zu schreiben – ich wusste: diesen Text muss ich machen! Mir war klar, dass ich dafür keine Zeitung finden würde; dafür war der Artikel zu wenig klassische Konzert-Rezension, außerdem hätte ich ihn vorher anbieten müssen. Also schrieb ich den Text, stellte ihn auf mein brachliegendes MySpace-Profil , verlinkte ihn auf der Facebook-Seite von Plan B. Rund 500 Menschen lasen den Text, ich bekam nette Zuschriften und Kommentare. Ich freute mich, dass Menschen sich freuten.

Ähnlich ging es mir nach dem Tod von Nils Koppruch, einem Singer-Songwriter, der mir einiges bedeutet und über den ich einen Nachruf schrieb. Es war toll, etwas zu veröffentlichen, ohne auf andere angewiesen zu sein. Ich dachte: Es ist doch egal, wie viele Menschen einen Text lesen, solange einer sich freut. Und von dem Zeilenhonorar, das die meisten Zeitungen zahlen, kann ich sowieso nicht leben. (Gleiches gilt übrigens für Bücher.)

Von Salinger heißt es, er habe in den Jahrzehnten nach der Veröffentlichung seiner letzten Geschichte nur noch für sich geschrieben: „Ich schreibe gerne. Ich liebe das Schreiben“, vertraute er 1974 einem Reporter an. „Aber nur noch für mich und zu meinem eigenen Vergnügen.“ Ein Zustand, der mir immer erstrebenswert schien. Schreiben um des Schreibens Willen, nicht für Ruhm oder Geld. Insofern ist dieses Blog auch der Versuch, den Spaß am Schreiben zurückzugewinnen. Dinge zu schreiben, die mir wichtig sind und auf die ich Lust hab, ohne dabei an Verwertungsmöglichkeiten zu denken. Oder um es mit den Worten des Agenten zu sagen: die Entscheidungshoheit und Produktionsmittel sich zurückzuholen. Und wenn es dabei noch den einen oder die andere interessiert: umso besser.

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Letzte Änderung: 30.04.14 15:59
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