zweifelturm
Donnerstag, 21. August 2014
Immobilien des Grauens

Wenn von der vielzitierten Gentrifizierung die Rede ist, dann geht es meist um explosionsartig steigende Mieten, die Verdrängung kultureller Einrichtungen aus einem Kiez, den mit der Aufwertung verbundenen Austausch ganzer Nachbarschaften. So gut wie nie geht es dabei um ästhetische Fragen, obwohl diese doch eigentlich am offensichtlichsten sind – sprich: um die architektonische Verschandelung unserer Stadt.

Immer wieder passiert es mir in letzter Zeit, dass ich in eine Gegend komme, in der ich eine Weile nicht war, und mit Schrecken feststelle, dass ein weiterer Häuserblock oder Straßenzug mit jenen loftartigen Luxuswohnungen verbaut ist, die angeblich für stilvolles Wohnen stehen. Überall die gleichen sterilen Fassaden aus Glas und Stahl, riesigen Balkone und Fensterfronten – ein glatt gebügelter Einheitslook, so als würde „Germany‘s Next Top Model“ neuerdings Häuser casten. Wie Hunde, die ihre Gegend markieren, hinterlassen Investoren, Projektentwickler und Architekten diese Immobilien des Grauens an jeder Ecke der Stadt.

Mit der Loftwohnung, wie wir sie aus den Siebziger- und Achtzigerjahren kennen, hat ihr neureicher Namensvetter dabei so gut wie nichts mehr gemein – im Gegenteil: Waren Lofts damals improvisierte Wohnungen in ehemaligen Gewerbegebäuden, in denen vornehmlich Künstler Wohnen und Arbeit miteinander verbanden, so handelt es sich heute um aufwändig modernisierte alte Fabrikhallen mit Fußbodenheizung, Luxusbad und repräsentativem Kamin oder um gänzlich neu errichtete Bauten. Ein Ego-Back-Up für Menschen, denen ihr SUV nicht genügt.

Dabei muss man nicht mal die absurdesten Auswüchse wie das Kreuzberger Carloft bemühen, bei dem man seinen Mercedes mittels Fahrstuhl mit in die Wohnung nehmen kann, um festzustellen, dass Geld und Stil nicht zwangsläufig im gleichen Haus wohnen. Drinnen geht es meist so pseudo-dekadent weiter wie draußen: Zimmer im klassischen Sinne gibt es nicht (so als könnte man sich nach der Dusche mit Rainshower und den elektrischen Markisen keine Wände mehr leisten); bis auf ein winziges Schlafzimmer und das Bad ist die Wohnung vollkommen offen. Was auch zeigt, für wen diese garantiert nicht gedacht ist: für Familien, Freunde oder WGs – stattdessen für besserverdienende Paare, die sowieso kaum zu Hause sind, weil der ganze Klimbim ja finanziert werden muss, sowie für gutbetuchte Auswärtige, die das Ganze eher als Wertanlage anstatt als Wohnraum verstehen.

Städtebaulich flankiert wird die Flachdacharchitektur von der biederen kleinen Schwester des Luxuslofts namens „Townhouse“, das die Kleinbürgerlichkeit eines Reihenhauses mit dem Auftritt des Snobs verbindet – eine unangenehme Kombination. Wobei das Störende nicht das einzelne Loft oder Townhouse ist, sondern die stadtweite Uniformität dieses – im Investorensprech – vorgeblich „individuellen Wohnens“. Dazu die Bürobauten, Bettenburgen, Einkaufscenter – es ist die „Zeit der trostlosen Investoren-Architektur“, wie Spiegel-Redakteur Georg Diez es nennt, „ein Nichts von spätkapitalistischer Tristesse“.

Es war der Filmemacher Alexander Kluge, der darauf verwies, dass nicht nur Menschen Lebensläufe besitzen, sondern auch Gegenstände und Gebiete. Die Biographie Berlins beispielsweise besteht – wenn man die Schaffung einer einheitlichen Stadtgemeinde als Ausgangspunkt nimmt – aus etwa zwölf Generationen. Doch statt die Vergangenheit in der gewachsenen städtischen Architektur präsent zu halten, verwandeln wir Kieze mit Charme und eigenem Charakter Straße für Straße, Haus für Haus, in gesichts- und geschichtslose Gegenden, die austauschbar sind. Geradezu zynisch liest sich da das wandhohe Zitat Karl Foersters im Eingangsbereich einer Luxusresidenz an der Schönhauser Allee: „Seltsam wie das Leben rauscht und auch am alten Orte immer wieder völlig neu ist.“

Und so brauchen wir neben Milieuschutz, Mietpreisbremse und Zweckentfremdungsgesetz vor allem das öffentliche Bewusstsein, dass die Vielfalt zum Charakter dieser Stadt gehört. Und dieser spiegelt sich nicht zuletzt in ihrer Architektur.

... Comment

Ja! Ja! Ja! Hier in Frankfurt gibt es ja das neue "Europaviertel", von mir liebevoll "Bankerschließfächer" genannt, daran habe ich mich letztens schon in einem Aufsatz abgearbeitet. Und als ich eine Wohnung suchte, fragte ich mich die ganze Zeit: Wohin mit meinen Besitztümern? Ich habe zwei große Schränke von meinen Großeltern geerbt, aber Mobiliar ist nicht vorgesehen, nur Module. Und wohl auch kein Besitz. Denn wo soll ich den unterbringen, wenn es keine Wände gibt, und da, wo Wände sind, hat man bodentiefe Fenster hineingeschnitten oder eine Küchenzeile an die Wand geschraubt? Fragen über Fragen. Ich habe dann für mich beschlossen, schlicht kein moderner Mensch zu sein.

... Link

Können Sie nicht in den Schrank der Großeltern ziehen? Dann sind die Sachen auch immer gleich zur Hand!

... Link

ich kenne keinen Investor, der bereit ist, großzügige Räume im historischen Bestand (etwas Dachräume) großzügig zu belassen. Es wird immmer auf das Muster "Mutter, Vater, Kind(er)" abgestimmt, obwohl die meisten Mieter in der vorgesehenen Preisklasse im Kinderzimmer eher bügeln werden....

... Link


... Comment

Ja.

Beknackt ist ja auch, daß in den Townhouses die Wohnungen plötzlich senkrecht statt waagerecht (wie in klassischen Mietshäusern) sind und viel Platz einfach dadurch verschwendet wird, daß jeder sein eigenes Treppenhaus braucht.

... Link


... Comment

Online for 1573 days
Last modified: 29.06.15 10:08
Status
Sie sind nicht angemeldet
Main Menu
Suche
Calendar
Juni 2017
MoDiMiDoFrSaSo
1234
567891011
12131415161718
19202122232425
2627282930
Juni
Kommentare
Oh, vielen Dank! Das freut
mich - und ich hoffe, das Buch hält dem...
philipmeinhold, vor 2 Jahren
als spross eines naziclans
hab ich jahrzehntelang meinen schuldkomplex abgearbeitet war 1987 zwei wochen...
wilhelm peter, vor 2 Jahren
Moabit Ich verstehe den Hintergrund
für den Artikel sehr gut. Dennoch bleibt zu behaupten, die...
Mario Murer, vor 2 Jahren
Hach, ja! Schön, war's!
philipmeinhold, vor 2 Jahren
Randnotiz: Der Plus in
der Stromstraße, 2002
Mama, vor 2 Jahren
Ja. Beknackt
ist ja auch, daß in den Townhouses die Wohnungen plötzlich senkrecht statt...
stralau, vor 2 Jahren
ich kenne keinen Investor, der
bereit ist, großzügige Räume im historischen Bestand (etwas Dachräume)...
Kalkspazz, vor 2 Jahren
Können Sie nicht in den
Schrank der Großeltern ziehen? Dann sind die Sachen auch...
philipmeinhold, vor 2 Jahren
Ja! Ja! Ja! Hier in
Frankfurt gibt es ja das neue "Europaviertel", von mir...
andreaffm, vor 2 Jahren
ja es ist auch gutes
übriggeblieben man erkennt an dem posting allzudeutlich dass nicht...
wilhelm peter, vor 3 Jahren
bin 60 und ziehe mir
den schuh an selten so gelacht tolle polemik lsd...
wilhelm peter, vor 3 Jahren
Oh, nein! Das kommt davon,
wenn man aufgehört hat, das Kino-ABC nach Hitchcocks zu...
philipmeinhold, vor 3 Jahren
"Blackmail" "Blackmail" lief am 28.
Juni 2011 im Babylon Mitte mit Live-Orgelbegleitung. Großartig!
donegal68, vor 3 Jahren
unabhängigkeit Hallo Herr Meinhold,
leider beleuchtet auch ihr hier verfasster Artikel die Problematik nicht wirklich....
medionso, vor 4 Jahren
Wir brauchen einen ÖR... ...
aber diesen nicht. Siehe die Beiträge oben. Ich bin überhaupt...
uessen, vor 4 Jahren
Nein... Nein, nein, nein! Mein
persönliches Nutzungsprofil des ÖR ist ziemlich überschaubar: Von selber eigentlich...
Enter, vor 4 Jahren
Alternativen Hallo Herr Meinhold !
Ich kann Abhilfe schaffen, um die Angst vor Tellerrändern (und...
rugay, vor 4 Jahren
Meinen Sie diesen Schönenborn? http://www.politaia.org/internet-und-medien/putin-lasst-gez-schonenborn-auflaufen/
Ich kann GEZ-Steuern mit meinem Gewissen nicht vereinbaren. Ihr Beitrag...
Infoliner, vor 4 Jahren
Die Graffiti-Analogie verstehe ich nicht.
Zur "Verbeamtung": Das ist ja ebenfalls eines der Vorurteile...
philipmeinhold, vor 4 Jahren
Betriebsblind. Die Leute regen sich
nicht über die sagenhafte Programmvielfalt eines Qualitätsmediums auf, sondern, über...
Scriptmaster, vor 4 Jahren
Ihre Ausführungen ähneln denen eines
15-Jährigen, der bei seiner "Grafitti-Kunst" erwischt wurde und nun...
bernd23, vor 4 Jahren
Und damit sind die GEZ-Hasser
dann in der Gesellschaft, die zumindest die undifferenzierte Kritik...
philipmeinhold, vor 4 Jahren
derselbe Fehler "Und dafür zahle
ich GEZ!" ist also nicht hilfreich und reichlich abgedroschen? Gleiches...
ThomasL, vor 4 Jahren
ich mach mir die welt
wie sie mir gefällt.. aus pipi langstrumpf,eine serie die ich...
neuheide, vor 4 Jahren
Die Vorwürfe, nach der das
öffentlich-rechtliche Fernsehen ganz böse sei, kommen ja in der...
zahnwart, vor 4 Jahren

RSS feed

Made with Antville
Helma Object Publisher