zweifelturm
Mein Treffen mit den Holzmarktmachern

Ich habe schon verschiedentlich versucht, mich mit Texten bei den richtigen Leuten unbeliebt zu machen: Ich habe Frei.Wild beschimpft, gegen Harald Martenstein polemisiert; die Fans der Band BossHoss haben mal zum Boykott der taz aufgerufen – was vermutlich nicht allzu viele Abos gekostet hat. Umso überraschter war ich über die Resonanz, die meiner kleinen Polemik gegen den Holzmarkt am Spreeufer widerfuhr. Auf keinen anderen Artikel habe ich so viele direkte Reaktionen bekommen, von euphorischem Lob bis zu Beleidigungen. Gefreut habe ich mich dabei zugegebenermaßen über die Reaktion der Holzmarktmacher selbst, die mich zum Gespräch einluden. Er habe viel gelacht bei dem Artikel, schrieb mir Andreas Steinhauser, und es sei sicher auch einiges Wahres daran.

Also ab ins Kater Holzig, morgens um zehn, auf einen Kaffee mit Steini. Ein wenig aufgeregt bin ich schon, denn natürlich war mein Text nicht besonders nett (dies, liebe Kritiker, sind Polemiken nie!) – ob die mir heimlich Koks in den Kaffee schütten?

Steinhauser ist ein Mitvierziger in T-Shirt und Jeans, der viel in besetzten Häusern gewohnt habe, wie er erzählt – in Hanau, der Hafenstraße, in Berlin –; er ist seit zwanzig Jahren Mitglied im Chaos Computer Club, hat die Software-Schmiede Gate5 mitgegründet und an Nokia verkauft. Er hätte, wie er sagt, nie wieder arbeiten müssen. „Aber nicht zu arbeiten ist doch scheiße!“ Beim Holzmarkt ist er zuständig für das Gründerzentrum „Eckwerk“ und das Energiekonzept des Geländes.

Durch ein baufälliges Treppenhaus gelangen wir in ein Besprechungszimmer über dem Katerschmaus, auf dem Tisch ein paar leere Bierflaschen, an den Wänden Pläne. Steinhauser legt einen der Lagepläne auf den Tisch und erläutert mir das Projekt: das Eckwerk, den Möhrchenpark, die Hallen, die Hütten, den Club und das Restaurant. „Das derzeit interessante Projekt in Europa.“ Man dürfe nicht vergessen, was ansonsten mit dem Gelände passiert wäre, sagt er: ein Bauungetüm mit 83.000 qm² Bruttogeschossfläche und einem minimalen Uferweg – was sie verhindert hätten.

Er erzählt vom Blick auf den Sonnenuntergang aus dem Restaurant, von Tomaten auf den Dächern und einem Energiekonzept, das mit Wasser aus dem angrenzenden Wasserwerk gespeist werden soll, nur eine Schleife müsse man dort einbauen, um die vorhandene Wärme zu nutzen. Irgendwann ist er bei Städten mit selbstfahrenden Autos, die alle Parkhäuser und Staus verschwinden lassen.

Zwischendurch streckt Steini immer wieder seinen erigierten Mittelfinger in die Luft, zeigt ihn dem Immobilieninvestor Hinkel, der einen riesigen Appartementturm an das Spreeufer klotzt, oder den Möchtegern-Investoren, die auf dem verranzten Sofa der Holzmarktmacher Platz nehmen und jedem eine Million Euro bieten, wenn sie das Gelände weiter verkaufen.

Es gehe ihnen nicht um Rendite, sagt Steinhauser, sonst würden sie nicht so viel Freifläche lassen, und auch von ihnen persönlich werde keiner reich. Es gibt Menschen, die diesbezüglich anderes behaupten; ich kann das nicht nachprüfen, aber darum geht es auch nicht. Das Problem ist vielmehr ein grundsätzliches: In dem Rahmen, den die Stadtentwicklungspolitik lässt, sind wirkliche Alternativen nicht möglich. Grund und Boden, der eigentlich allen gehören sollte, wird nach kapitalistischen Kriterien verwertet (und natürlich gehört auch die Freifläche des Holzmarkts nicht allen, sondern ist das Privateigentum der Besitzer). Ich würde behaupten: Was Berlin nicht braucht, zumal am Ufer der Spree, ist ein weiteres Hotel oder Restaurant – auch wenn diese anders aussehen als das, was sonst dort so steht. Letztlich ist das eine Geschmacksfrage. Aber klar: Auch so ein Projekt wie der Holzmarkt muss sich finanzieren. Ohne Restaurant, Hotel und Club geht das nicht.

Und auch, wenn der Holzmarkt einiges anders macht und etliche Ideen recht sympathisch sind: Letztendlich bleibt er affirmativ beziehungsweise wird selbst zum Marketingargument für die Verwertung der Stadt. „Ist das Gentrifizierung?“, fragt Steinhauser und lehnt sich zurück. „Ja, wahrscheinlich ist das Gentrifizierung. Und natürlich treiben wir damit auch die Preise der Luxuswohnungen nach oben.“ Die Arme hinter dem Kopf verschränkt schaut er aus dem Fenster, er sieht dabei nicht besonders unglücklich aus.

Und so bleibt das Hauptproblem für mich eines der Selbstdarstellung – wie in dem Video zum Spatenstich: die Umdeutung des Holzmarkts zum revolutionären Akt, mit dem man die Stadt umkrempelt. Kein Hinterfragen der eigenen Rolle, zumindest öffentlich kein selbstkritisches Reflektieren. Das ist im Kern unpolitisch. Das Video, sagt Steinhauser, sei für die Zielgruppe gedacht gewesen; die sei halt nicht so politisch.

Ein Lackmustest für die Glaubwürdigkeit der Holzmarktmacher könnte sein, wie ernst sie es mit der Forderung „Spreeufer für alle“ selber nehmen – auch im Restaurant und im Club. In seinem Buch „Lost and Sound“ schreibt Tobias Rapp: „So bunt es aussieht: Es ist sozial doch recht homogen, wenn diese Ferndiagnose erlaubt ist. […] Das ist kein Einwand gegen das Treiben in der Bar 25, vielleicht aber einer gegen das Selbstbild vieler Gäste – so bunt und offen, wie der Laden sich anfühlt, ist er dann doch nicht. Seine Gäste sehen nur so aus.“

Dabei könnte es doch viel spannender sein, nicht nur mit Leuten zu feiern, die auf die gleiche Art verrückt sind, wie man selbst. Lasst die anderen Irren doch ebenfalls rein! Warum die Türpolitik des Clubs nicht so offen wie möglich gestalten? Warum im Restaurant nicht jeden Tag ein Gericht anbieten, das sich auch der Motz-Verkäufer leisten kann, wenn er will? Dies seien die einzigen zwei Orte, die nicht offen seien, räumt Steinhauser ein: „Der Club ist der Club, da kommt nicht jeder rein. Deswegen heißt es ja ‚Club‘. Das ist das Geschäftsmodell.“

Nun, mir persönlich sind andere Geschäftsmodelle sympathischer, denke ich und schaue ebenfalls aus dem Fenster. Ist der Holzmarkt nun besser als irgendein anderes Projekt? Ja, vielleicht ist er das. Er bringt ein bisschen Abwechslung in die Monotonie der Bebauung, und immerhin verfolgen hier ein paar Menschen eine Idee, die nicht nur auf Rendite beruht. Altruistisch sind sie deshalb noch lange nicht, auch nicht subversiv – sie tun das, weil sie Spaß daran haben. That‘s it! Das Grundproblem ändert der Holzmarkt ebenso wenig wie er ein Spreeufer für alle bietet.

„Und falls du mal nicht in den Club kommst, ruf mich an“, sagt Steinhauser, als ich mich nach anderthalb Stunden schließlich verabschiede. Das ist nett gemeint, ich weiß, aber – vielen Dank!

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Last modified: 20.01.20 13:07
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Kommentare
Contact request Lieber Philip Meinhold
Wie könnte ich Sie per Email erreichen? Ich heiße Omer...
Oliverfunk, vor 4 Wochen
Oh, vielen Dank! Das freut
mich - und ich hoffe, das Buch hält dem...
philipmeinhold, vor 5 Jahren
als spross eines naziclans
hab ich jahrzehntelang meinen schuldkomplex abgearbeitet war 1987 zwei wochen...
wilhelm peter, vor 5 Jahren
Moabit Ich verstehe den Hintergrund
für den Artikel sehr gut. Dennoch bleibt zu behaupten, die...
Mario Murer, vor 5 Jahren
Hach, ja! Schön, war's!
philipmeinhold, vor 5 Jahren
Randnotiz: Der Plus in
der Stromstraße, 2002
Mama, vor 5 Jahren
Ja. Beknackt
ist ja auch, daß in den Townhouses die Wohnungen plötzlich senkrecht statt...
stralau, vor 5 Jahren
ich kenne keinen Investor, der
bereit ist, großzügige Räume im historischen Bestand (etwas Dachräume)...
Kalkspazz, vor 5 Jahren
Können Sie nicht in den
Schrank der Großeltern ziehen? Dann sind die Sachen auch...
philipmeinhold, vor 5 Jahren
Ja! Ja! Ja! Hier in
Frankfurt gibt es ja das neue "Europaviertel", von mir...
andreaffm, vor 5 Jahren
ja es ist auch gutes
übriggeblieben man erkennt an dem posting allzudeutlich dass nicht...
wilhelm peter, vor 6 Jahren
bin 60 und ziehe mir
den schuh an selten so gelacht tolle polemik lsd...
wilhelm peter, vor 6 Jahren
Oh, nein! Das kommt davon,
wenn man aufgehört hat, das Kino-ABC nach Hitchcocks zu...
philipmeinhold, vor 6 Jahren
"Blackmail" "Blackmail" lief am 28.
Juni 2011 im Babylon Mitte mit Live-Orgelbegleitung. Großartig!
donegal68, vor 6 Jahren
unabhängigkeit Hallo Herr Meinhold,
leider beleuchtet auch ihr hier verfasster Artikel die Problematik nicht wirklich....
medionso, vor 7 Jahren
Wir brauchen einen ÖR... ...
aber diesen nicht. Siehe die Beiträge oben. Ich bin überhaupt...
uessen, vor 7 Jahren
Nein... Nein, nein, nein! Mein
persönliches Nutzungsprofil des ÖR ist ziemlich überschaubar: Von selber eigentlich...
Enter, vor 7 Jahren
Alternativen Hallo Herr Meinhold !
Ich kann Abhilfe schaffen, um die Angst vor Tellerrändern (und...
rugay, vor 7 Jahren
Meinen Sie diesen Schönenborn? http://www.politaia.org/internet-und-medien/putin-lasst-gez-schonenborn-auflaufen/
Ich kann GEZ-Steuern mit meinem Gewissen nicht vereinbaren. Ihr Beitrag...
Infoliner, vor 7 Jahren
Die Graffiti-Analogie verstehe ich nicht.
Zur "Verbeamtung": Das ist ja ebenfalls eines der Vorurteile...
philipmeinhold, vor 7 Jahren
Betriebsblind. Die Leute regen sich
nicht über die sagenhafte Programmvielfalt eines Qualitätsmediums auf, sondern, über...
Scriptmaster, vor 7 Jahren
Ihre Ausführungen ähneln denen eines
15-Jährigen, der bei seiner "Grafitti-Kunst" erwischt wurde und nun...
bernd23, vor 7 Jahren
Und damit sind die GEZ-Hasser
dann in der Gesellschaft, die zumindest die undifferenzierte Kritik...
philipmeinhold, vor 7 Jahren
derselbe Fehler "Und dafür zahle
ich GEZ!" ist also nicht hilfreich und reichlich abgedroschen? Gleiches...
ThomasL, vor 7 Jahren
ich mach mir die welt
wie sie mir gefällt.. aus pipi langstrumpf,eine serie die ich...
neuheide, vor 7 Jahren

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