zweifelturm
Ein paar sehr schöne Stunden

Ein persönlicher Nachruf auf Nils Koppruch

„Und am anderen Ufer stehst du,
Und ich wink dir noch einmal zu.“

Eine Flasche Rotwein, mein Computer, ein Stapel CDs – der Sänger Nils Koppruch ist gestern gestorben, und ich habe die heutige Verabredung mit meiner Freundin gegen einen Abend mit seiner Musik und meinen Erinnerungen eingetauscht.

Ich habe von Koppruchs Tod heute Mittag auf Facebook erfahren, habe mir bei YouTube ein paar seiner Songs angehört, meine Trauerbekundung bei Twitter und Facebook gepostet – wie man das heutzutage so macht. Doch schnell war mir klar, dass das nicht reichen würde. Dass ich meiner Trauer Platz einräumen musste. Gleichzeitig habe ich meine Betroffenheit sofort misstrauisch hinterfragt: Warum bin ich traurig über den Tod eines Menschen, den ich persönlich nie kennengelernt hab? Ist es Rührseligkeit? Die eigene Angst vor dem Tod? Der Schreck, weil Koppruch mit seinen 46 Jahren nur ein paar Jahre älter war?

Ich habe Nils Koppruch und seine Musik vor etwa zehn Jahren durch die Band Fink kennengelernt; da gab es Fink bereits ein paar Jahre. Ich studierte in Leipzig am Literaturinstitut und wollte Schriftsteller werden. Meine damalige Freundin brannte mir zwei Alben der Band: „Fink“ und „Haiku Ambulanz“. Ich war vom ersten Hören an begeistert. Das war Musik, die man mit einem schlichten schön am Besten beschreibt. Countryeske Songs mit poetischen Texten; melancholisch, aber nie ohne Zuversicht; Lieder, die einem sagen wollten: Alles geht seinen Gang. Und: Wie es auch sei, das Leben – es ist gut. „Die Sonne funkelt in der Gischt / und Blumen stehen auf dem Tisch / Vielleicht bringt dich das nächste Schiff zurück.“
Koppruchs Songs waren wie die Texte, die ich selbst schreiben wollte: ungekünstelt, aufrichtig, mitunter mitten ins Herz. Pathetisch, ohne peinlich zu sein. Dabei besaßen sie das Privileg des Rock ‘n Roll gegenüber der Prosa: diese Direktheit, die einen auf der Stelle einnehmen kann.

Ein paar Jahre später lösten Fink sich auf, wegen unterschiedlicher musikalischer Vorstellungen in der Band, wie es hieß. Koppruch machte alleine weiter, veröffentlichte seine erste Solo-CD „Den Teufel tun“. Es war die Fortsetzung von Fink als Ein-Mann-Kapelle. Die gleichen Motive, die gleiche Musik, die geliebten Regen-Metaphern.

Ein paar Mal hab ich ihn danach live gesehen – im Berliner Cassiopeia, dem Festsaal Kreuzberg, im Heimathafen Neukölln. Ich mochte es, allein auf seinen Konzerten zu stehen, seine Lieder zu hören und dabei zu sinnieren. Bier für Bier betrunkener zu werden. Es war Musik, die mich trösten konnte; die mich aussöhnte mit einer garstigen Welt.
Im Cassiopeia spielte Koppruch vor etwa zwanzig Personen, und es war, als müsste dieser tolle Sänger, der mit Fink sechs Alben aufgenommen hatte, noch einmal von vorne anfangen. Ihm schien das nichts auszumachen. Er freute sich an seiner Musik und an denen, die da waren; es schien egal, ob er für 20 oder 200 spielt. Im Festsaal Kreuzberg hatte er zur Unterstützung einen Gastmusiker bei, den er offensichtlich nicht kannte. Bei schnelleren Stücken stand der Musiker auf, um im Stehen weiter zu spielen – was Koppruch verschmitzt registrierte. Es war lustig zu sehen, wie die beiden sich während des Musizierens kennenlernten. Koppruchs Gelassenheit, seine Neugier, seine Philantropie – all das kam bei diesem Auftritt zum Ausdruck.

2010 dann ein Konzert im Heimathafen Neukölln als Vorband von Gisbert zu Knyphausen. Knyphausen hatte mich mit seinem Album-Debüt ähnlich umgehauen wie Fink zehn Jahre zuvor. Da war die gleiche Offenheit und Unverstelltheit, ohne Angst vor zu viel Gefühl. Es passte, dass die beiden sich zusammentaten und als Kid Kopphausen kollaborierten. Ende August sah ich sie bei einem kleinen Übungsgig vor Beginn ihrer Tour; vor zwei Tagen hab ich mir endlich die CD gekauft. Drei, vier Mal habe ich sie seitdem gehört – bis ich heute Mittag von Koppruchs Tod erfuhr.

Warum also bin ich so traurig über den Tod eines Menschen, den ich persönlich nie kennengelernt hab? Vielleicht, denke ich, ist es bisschen von allem: Der Schreck, dass dieser Mann, den ich vor ein paar Wochen noch sah, nicht mehr lebt; die Tatsache, dass er nur wenige Jahre älter war. Vielleicht liegt es aber vor allem daran, dass ich mit Koppruchs Songs in den vergangenen zehn Jahren ein paar sehr schöne Stunden verbracht hab.

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Last modified: 20.01.20 13:07
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Kommentare
Contact request Lieber Philip Meinhold
Wie könnte ich Sie per Email erreichen? Ich heiße Omer...
Oliverfunk, vor 4 Wochen
Oh, vielen Dank! Das freut
mich - und ich hoffe, das Buch hält dem...
philipmeinhold, vor 5 Jahren
als spross eines naziclans
hab ich jahrzehntelang meinen schuldkomplex abgearbeitet war 1987 zwei wochen...
wilhelm peter, vor 5 Jahren
Moabit Ich verstehe den Hintergrund
für den Artikel sehr gut. Dennoch bleibt zu behaupten, die...
Mario Murer, vor 5 Jahren
Hach, ja! Schön, war's!
philipmeinhold, vor 5 Jahren
Randnotiz: Der Plus in
der Stromstraße, 2002
Mama, vor 5 Jahren
Ja. Beknackt
ist ja auch, daß in den Townhouses die Wohnungen plötzlich senkrecht statt...
stralau, vor 5 Jahren
ich kenne keinen Investor, der
bereit ist, großzügige Räume im historischen Bestand (etwas Dachräume)...
Kalkspazz, vor 5 Jahren
Können Sie nicht in den
Schrank der Großeltern ziehen? Dann sind die Sachen auch...
philipmeinhold, vor 5 Jahren
Ja! Ja! Ja! Hier in
Frankfurt gibt es ja das neue "Europaviertel", von mir...
andreaffm, vor 5 Jahren
ja es ist auch gutes
übriggeblieben man erkennt an dem posting allzudeutlich dass nicht...
wilhelm peter, vor 6 Jahren
bin 60 und ziehe mir
den schuh an selten so gelacht tolle polemik lsd...
wilhelm peter, vor 6 Jahren
Oh, nein! Das kommt davon,
wenn man aufgehört hat, das Kino-ABC nach Hitchcocks zu...
philipmeinhold, vor 6 Jahren
"Blackmail" "Blackmail" lief am 28.
Juni 2011 im Babylon Mitte mit Live-Orgelbegleitung. Großartig!
donegal68, vor 6 Jahren
unabhängigkeit Hallo Herr Meinhold,
leider beleuchtet auch ihr hier verfasster Artikel die Problematik nicht wirklich....
medionso, vor 7 Jahren
Wir brauchen einen ÖR... ...
aber diesen nicht. Siehe die Beiträge oben. Ich bin überhaupt...
uessen, vor 7 Jahren
Nein... Nein, nein, nein! Mein
persönliches Nutzungsprofil des ÖR ist ziemlich überschaubar: Von selber eigentlich...
Enter, vor 7 Jahren
Alternativen Hallo Herr Meinhold !
Ich kann Abhilfe schaffen, um die Angst vor Tellerrändern (und...
rugay, vor 7 Jahren
Meinen Sie diesen Schönenborn? http://www.politaia.org/internet-und-medien/putin-lasst-gez-schonenborn-auflaufen/
Ich kann GEZ-Steuern mit meinem Gewissen nicht vereinbaren. Ihr Beitrag...
Infoliner, vor 7 Jahren
Die Graffiti-Analogie verstehe ich nicht.
Zur "Verbeamtung": Das ist ja ebenfalls eines der Vorurteile...
philipmeinhold, vor 7 Jahren
Betriebsblind. Die Leute regen sich
nicht über die sagenhafte Programmvielfalt eines Qualitätsmediums auf, sondern, über...
Scriptmaster, vor 7 Jahren
Ihre Ausführungen ähneln denen eines
15-Jährigen, der bei seiner "Grafitti-Kunst" erwischt wurde und nun...
bernd23, vor 7 Jahren
Und damit sind die GEZ-Hasser
dann in der Gesellschaft, die zumindest die undifferenzierte Kritik...
philipmeinhold, vor 7 Jahren
derselbe Fehler "Und dafür zahle
ich GEZ!" ist also nicht hilfreich und reichlich abgedroschen? Gleiches...
ThomasL, vor 7 Jahren
ich mach mir die welt
wie sie mir gefällt.. aus pipi langstrumpf,eine serie die ich...
neuheide, vor 7 Jahren

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