zweifelturm
Memories my ass!

Das Reunion-Konzert von Plan B im Lido

Das Ticket hab ich mir vor Wochen besorgt, seit Tagen hör ich die Platten. Die Greenhouse Effect, die Intensified; die beiden ersten Alben auf einer leiernden alten Kassette, die mir ein Kumpel aus dem Handballverein 1986 aufgenommen hat. Es bedurfte dafür einiger Diskussionen, denn mein Mannschaftskamerad war damals schon ein Verfechter des Urheberrechts: „Das ist ne junge Band, die haben selbst keine Kohle.“ Da ich aber noch weniger hatte, nahm er sie mir schließlich auf – nicht ohne an einer Stelle der Aufnahme dazwischenzuquatschen, gewissermaßen als Denkzettel oder um den Wert des Originals gegenüber der Kopie zu betonen.

Ich geh zu Plan B ins Lido, ihrem ersten Konzert seit knapp zwanzig Jahren, und wie vor einem Klassentreffen frage ich mich, ob das wirklich so eine gute Idee ist: Ob ich mir meine Erinnerungen nicht kaputtmache damit – oder ob es so schön wird wie früher?

[An dieser Stelle ein kurzer Einschub für die Jüngeren und Zugezogenen unter uns: Plan B war eine vierköpfige Westberliner Band, die ein paar Jahre lang die Clubs dieser Stadt bespielte, als Vorband der Ramones durch Deutschland tourte, Anfang der Neunziger sogar einen kleinen amerikanischen Radio-Hit hatte, bis sie sich schließlich in juristischen Streitigkeiten mit ihrer Plattenfirma zerrieb.]

Es war die Band, die ich neben den Hosen in den Achtzigern am häufigsten sah, zwischen 1987 und 91 bestimmt sieben, acht Mal. In der Alten TU Mensa, dem Wasserturm Spandau, als Vorband der Ramones in der Eissporthalle (alles Locations, von denen ich nicht weiß, ob es sie heute überhaupt noch existieren). Irgendwann stieg ich dann aus. Weder ging ich weiter zu Plan B noch zu den Hosen: Die Hosen waren mir zu uncool geworden, Plan B zu cool. Die Hosen wurden reich, Plan B lösten sich auf – so viel zum Thema Qualität und Erfolg.

Das Lido ist ausverkauft, auf dem Hinweg gibt‘s zur Einstimmung ein Dosenbier, drinnen zaubert mir das große Band-Logo hinter der Bühne ein erstes Lächeln auf das Gesicht: Hätt‘ ich nicht gedacht, dass ich die noch mal seh … Dann umschauen, gucken, ob man irgendwen kennt; das ist wie Westberlin vor 25 Jahren, denke ich – nur, dass die Männer im Publikum Bauch tragen und die Frauen Falte; die Haare sind hie und da grauer geworden, die Tätowierungen blasser. T-Shirts der Ramones und Stiff Little Fingers – und natürlich von Plan B selbst (in welcher Schublade die wohl all die Jahre überdauert haben?).

Ein Konzert-Intro, als würde Johnny Cash himself gleich vom Himmel herabfahren – dabei ist es nur Johnny Haeusler, der von links auf die Bühne stratzt. „Guten Abend Berlin, Du kannst so herzlich sein!“, begrüßt er den Saal; der jubelt, und dann geht es los.
Ich überlege, was mich damals zu so einem glühenden Anhänger gerade dieser Band machte – und denke, es war die Rock‘n Roll-Attitüde. Songs, die nach vorne gingen und die eingängig waren; Texte, die ich verstand und die mich verstanden; ein Stück Lokalpatriotismus. Plan B waren die Jungs aus der Nachbarschaft.

Von der Urbesetzung der Band ist nur die Hälfte geblieben, da ist Perzi am Schlagzeug und Johnny am Gesang – dazu haben sich Sven von den No Harms und Beckmann von den Rainbirds gesellt. Es bleibt gewissermaßen in der Familie. Aber natürlich fehlt Hans, der immer etwas zu zerbrechlich wirkte für diese Band. Und natürlich fehlt Fritz in seinem Bundeswehr-Unterhemd, der, wenn im Publikum irgendwer Ärger machte, drohte, dass er auch runterkommen und mitmischen könne. Lustigerweise sind Sven und Beckmann von ihrem Typ her ganz ähnlich.

Die neuen alten Plan B spielen alte und sehr alte Sachen, zwischendurch kommt Jocelyn B. Smith auf die Bühne, es gibt eine Bläser-Sektion und Cover von „A Message to you, Rudy“ und „Guns of Brixton“ – Zitate der musikalischen Sozialisation von Band und Publikum. Ich versuche mir vorzustellen, wie die Leute im Saal vor zwanzig Jahren aussahen; wie jung wir damals noch waren. Mit der Jugend ist es ein komisches Ding: Wenn man sie hat, weiß man nicht recht, damit umzugehen, und wenn man es dann könnte, ist sie vorbei.

Die Energie im Raum ist die gleiche wie damals, und nach den ersten drei Songs frag ich mich nicht mehr, ob es nun richtig oder falsch war, hier herzukommen. Ob es cool oder uncool ist. Ich tanze, hüpfe und singe mit – erstaunlich, wie gut ich die Texte noch kenn. Nur an einigen Stellen muss ich das gleiche Phantasie-Englisch wie damals bemühen, in der Hoffnung, dass niemand es hört. Zwischendurch sehe ich in lächelnde Gesichter und lächle zurück. Gesichter, bei denen ich mich unwillkürlich frage, woher ich sie kenne. Waren die auch im Wasserturm Spandau?
Wahrscheinlich sind hier zu 90 Prozent Westberliner. Und: Nein, an dieser Stelle nichts gegen Zugezogene oder Touristen – aber für einen Moment möchte man trotzdem ganz still werden und atmen und denken: So war‘s! Wir wissen, was wir hier teilen.

Ich muss an das Blockschock denken und ans Café M, an Donnerstage im Rockit (als Neukölln noch nicht hip war, sondern das Ende der Welt), an endlose Fahrten im Nachtbus, weil die U-Bahn nicht durchfuhr, und dass ich vom Ku‘damm eine Stunde nach Hause lief. Ich denke an gerauchte Bananenschalen, eine mit Seife gestählte Frisur, an ein wunderbar unfertiges, unvollkommenes Berlin, das wie ein Auslaufplatz für Phantasien und Illusionen war. Dies hier ist meine 80er-Party, denke ich – und scheiß drauf: Klar bin ich ein sentimentaler alter Hund; ich würde sogar meine Riester-Rente versetzen, wenn ich dafür noch mal ein paar Tage ins alte Westberlin reisen könnte.

Aber die Vergangenheit ist nichts, was einfach so endet – dafür ist dieser Abend der beste Beweis. Denn was, wenn nicht die Summe unserer Erinnerungen, macht uns aus? Was macht uns zu denen, die wir sind? Am Ende riskiert Perzi beim Stage-diven einen Oberschenkelhalsbruch, Johnny ist heiser und das Publikum skandiert statt Zugabe: „Hey ho, let‘s go!“ Memories my ass!, denke ich – und werf mich in einen letzten unschuldigen Pogo.

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Last modified: 20.01.20 13:07
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Kommentare
Contact request Lieber Philip Meinhold
Wie könnte ich Sie per Email erreichen? Ich heiße Omer...
Oliverfunk, vor 4 Wochen
Oh, vielen Dank! Das freut
mich - und ich hoffe, das Buch hält dem...
philipmeinhold, vor 5 Jahren
als spross eines naziclans
hab ich jahrzehntelang meinen schuldkomplex abgearbeitet war 1987 zwei wochen...
wilhelm peter, vor 5 Jahren
Moabit Ich verstehe den Hintergrund
für den Artikel sehr gut. Dennoch bleibt zu behaupten, die...
Mario Murer, vor 5 Jahren
Hach, ja! Schön, war's!
philipmeinhold, vor 5 Jahren
Randnotiz: Der Plus in
der Stromstraße, 2002
Mama, vor 5 Jahren
Ja. Beknackt
ist ja auch, daß in den Townhouses die Wohnungen plötzlich senkrecht statt...
stralau, vor 5 Jahren
ich kenne keinen Investor, der
bereit ist, großzügige Räume im historischen Bestand (etwas Dachräume)...
Kalkspazz, vor 5 Jahren
Können Sie nicht in den
Schrank der Großeltern ziehen? Dann sind die Sachen auch...
philipmeinhold, vor 5 Jahren
Ja! Ja! Ja! Hier in
Frankfurt gibt es ja das neue "Europaviertel", von mir...
andreaffm, vor 5 Jahren
ja es ist auch gutes
übriggeblieben man erkennt an dem posting allzudeutlich dass nicht...
wilhelm peter, vor 6 Jahren
bin 60 und ziehe mir
den schuh an selten so gelacht tolle polemik lsd...
wilhelm peter, vor 6 Jahren
Oh, nein! Das kommt davon,
wenn man aufgehört hat, das Kino-ABC nach Hitchcocks zu...
philipmeinhold, vor 6 Jahren
"Blackmail" "Blackmail" lief am 28.
Juni 2011 im Babylon Mitte mit Live-Orgelbegleitung. Großartig!
donegal68, vor 6 Jahren
unabhängigkeit Hallo Herr Meinhold,
leider beleuchtet auch ihr hier verfasster Artikel die Problematik nicht wirklich....
medionso, vor 7 Jahren
Wir brauchen einen ÖR... ...
aber diesen nicht. Siehe die Beiträge oben. Ich bin überhaupt...
uessen, vor 7 Jahren
Nein... Nein, nein, nein! Mein
persönliches Nutzungsprofil des ÖR ist ziemlich überschaubar: Von selber eigentlich...
Enter, vor 7 Jahren
Alternativen Hallo Herr Meinhold !
Ich kann Abhilfe schaffen, um die Angst vor Tellerrändern (und...
rugay, vor 7 Jahren
Meinen Sie diesen Schönenborn? http://www.politaia.org/internet-und-medien/putin-lasst-gez-schonenborn-auflaufen/
Ich kann GEZ-Steuern mit meinem Gewissen nicht vereinbaren. Ihr Beitrag...
Infoliner, vor 7 Jahren
Die Graffiti-Analogie verstehe ich nicht.
Zur "Verbeamtung": Das ist ja ebenfalls eines der Vorurteile...
philipmeinhold, vor 7 Jahren
Betriebsblind. Die Leute regen sich
nicht über die sagenhafte Programmvielfalt eines Qualitätsmediums auf, sondern, über...
Scriptmaster, vor 7 Jahren
Ihre Ausführungen ähneln denen eines
15-Jährigen, der bei seiner "Grafitti-Kunst" erwischt wurde und nun...
bernd23, vor 7 Jahren
Und damit sind die GEZ-Hasser
dann in der Gesellschaft, die zumindest die undifferenzierte Kritik...
philipmeinhold, vor 7 Jahren
derselbe Fehler "Und dafür zahle
ich GEZ!" ist also nicht hilfreich und reichlich abgedroschen? Gleiches...
ThomasL, vor 7 Jahren
ich mach mir die welt
wie sie mir gefällt.. aus pipi langstrumpf,eine serie die ich...
neuheide, vor 7 Jahren

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