zweifelturm
Schreibst du noch oder lebst du schon (davon)?

Es ist Donnerstagabend, und ich sitze mit meinem Literaturkreis beisammen, in dem wir eigene Texte besprechen. Wir sind mittlerweile beim Bier angekommen, reden über dies und das – und schließlich über das, was uns alle beschäftigt: Wie es weitergehen soll mit uns und dem Schreiben?

Wir sind zu siebt, alle zwischen Mitte dreißig und vierzig – zu alt, um noch als Nachwuchsautoren zu gelten; zu lange im Geschäft, um vom großen Erfolg träumen zu können. Sicher, wir haben erreicht, wovon andere träumen: Um den Tisch sind acht Romane, zwei Erzählbände und ungezählte Veröffentlichungen in literarischen Zeitschriften und Anthologien versammelt, ein Dutzend Literaturpreise, zwei Dutzend Stipendien. Und doch ist jeder von uns an einem Punkt angelangt, an dem er sein Tun hinterfragt.

L., die zwei Romane in einem großen deutschen Publikumsverlag veröffentlicht hat, erzählt von ihrem letzten Buch: 25.000 Euro habe der Verlag dafür in Werbung gesteckt; es gab Aufsteller in Buchhandlungen und Anzeigen in der ZEIT, aber wenn sie das dicke Minus auf ihrer jährlichen Abrechnung sehe, dann werde ihr jedes Mal anders. Das Minus steht für das, was ihr Buch vom Vorschuss nicht eingespielt hat. Nicht, dass L. das zurückzahlen müsste (das ist das Gute an Vorschüssen), aber L. sagt auch: „Das macht mein Verlag vielleicht noch ein weiteres Buch mit – und was dann?“

F. ist diejenige unter uns, die das größte literarische Renommee besitzt: Sie hat zwei Erzählbände und zuletzt einen Roman in einem angesehenen Verlag publiziert – dazu Lesungen, Preise, Stipendien. Ihr Roman wurde im Feuilleton viel und gut besprochen, aber verkauft hat er sich so schlecht, dass F. uns die Zahl nicht nennen möchte. Eine Scham, die die meisten Schriftsteller kennen. Sie sagt: „Alle haben immer gesagt, dass ich einen Roman schreiben muss. Dass die Leute keine Erzählungen, sondern Romane wollen. Jetzt weiß ich, dass das nicht stimmt. Das hat etwas Befreiendes, weil ich jetzt genauso gut wieder Erzählungen schreiben kann. Aber ich frage mich schon, wie das alles funktionieren soll.“

Ich sage: „Wenigstens werden deine Bücher gedruckt. Das ist doch ein Privileg.“ Und J. ergänzt, dass die Rezensionen die Voraussetzung für Lesungen und Stipendien seien. Wer könne schon vom Buchverkauf leben? „Die Frage ist“, sagt F., „ob mir das reicht? Und ich glaube, es reicht mir nicht.“

Auch ich habe zwei Romane veröffentlicht, ein paar Preise und Stipendien bekommen, aber das alles ist nichts, wovon ich auch nur annähernd leben könnte. Mein Geld habe ich immer als Journalist verdient. Nach gut zehn Jahren schriftstellerischer Tätigkeit muss ich mir eingestehen, dass es nicht so funktioniert, wie ich mir das vorgestellt habe. Im Prinzip ist das Schreiben Hobby. Vielleicht kein Hobby wie Skat spielen oder in die Sauna zu gehen, eher wie das Joggen, das jemand als Ausgleich braucht. Aber die Wahrheit ist: Es ist Hobby! Es ist wie bei einer Band, die sich eingesteht, dass es mit den Charts und den Tourneen nichts mehr werden wird, und die beschließt, ein Mal in der Woche im Proberaum für sich selbst zu spielen. Ab und zu ein Auftritt in einer Kneipe vor Freunden.

Es ist spät geworden, vor dem Fenster fährt die S-Bahn vorbei – im Raum die Fragen, die uns beschäftigen: Wie lange muss man durchhalten? Soll man weitermachen? Im Grunde: Wie soll man leben? Aber da wir alle schreibende Jogger sind, bleibt wohl nur, sich vom Traum zu trennen – nicht vom Schreiben an sich.

... Link (0 Kommentare) ... Comment


Warum ich jetzt blogge

Die Zeit des Bloggens sei vorbei, sagen manche. Nicht wenige ehemalige Blogger haben sich aufs Twittern verlegt, andere, die nie gebloggt haben, schreiben bei Facebook. Warum also habe ich mir nun ein Blog zugelegt?

Ich erinnere mich gut daran, wie ich vor rund zehn Jahren am Leipziger Literaturinstitut zu studieren begann. Mein Kommilitone und Autorenkollege Bov – seit Jahren hier bei antville aktiv – versuchte, mich zum Bloggen zu überreden.
Meine Antwort: „Das nimmt mir die Zeit fürs Schreiben.“
Sollte heißen: Ich kenne mich doch! Ich bin niemand, der einen Text aus dem Ärmel schüttelt, und wenn ich erst mal angefangen habe zu bloggen, geht das zu Lasten meiner Arbeit an Romanen und Kurzgeschichten – also der wirklichen, der wichtigen Literatur. Dazu kam mein Selbstverständnis als Autor, das verlangte, fürs Schreiben bezahlt zu werden. Was ich tat, sollte nicht Hobby sein, sondern Beruf. Das galt auch für kürzere Texte, die ich für Zeitungen schrieb.

Doch nun, nach gut zehn Jahren schriftstellerischer Tätigkeit, bin ich es leid, mich zwangsweise in die Verwertungskette einzugliedern und die damit verbundenen Frustrationen zu ertragen. Bei Büchern heißt das: mitunter jahrelang an einem Text zu arbeiten, diesen anzubieten, monatelang auf eine Antwort zu warten, die dann häufig in einer knappen Formabsage besteht, nicht selten, trotz freundlicher Nachfrage, nie wieder etwas von einem Verlag zu hören. Und dies (so viel Selbstvertrauen darf sein) unabhängig von der Qualität des Textes.

Ein Literaturagent, der wegen meines aktuellen Buch-Projekts mit verschiedenen Verlagen sprach, schrieb mir frustriert:

Lektoren, mit denen ich spreche, sagen immer das Gleiche: "Wir brauchen nur noch - und zwar nur noch Spitzentitel." Lektoren starren entsprechend immer auf die aktuelle Bestsellerliste und überlegen sich ein Me-To-Produkt. Aufbauarbeit, Autorenpflege etc. findet nicht mehr statt, Risiken werden nicht mehr eingegangen, der Glaube an ein Skript nützt nichts mehr, wenn der Vertrieb den Daumen senkt und vielleicht hast Du eine Ahnung davon, wie phantasielos Vertriebsleute diesbzgl. sind. Autoren, die nach zwei Büchern nicht durchstarten, werden rigoros rausgeschmissen und im Idealfall durch einen schwedischen oder us-amerikanischen Autor ersetzt.

Ich bin bei vielen Stoffen, die ich prüfe sicher: Die finden ihre Leser, aber ich habe seit knapp einem Jahr auch die Ahnung, dass ich für diesen Stoff keinen Publikumsverlag mehr finden werde, der sich traut, das Buch zu verlegen. Das war vor einigen Jahren noch anders. […]

Das hat nichts mit der Qualität der Stoffe zu tun, sondern nur mit der Nachfrage aus den Häusern. Eine sehr frustrierende Entwicklung, die auch mich in eine Rolle bringt, die ich nicht mag, denn ich muss Autoren absagen, deren Stoffe ich schätze, muss mich von Autoren trennen, für deren Stoffe ich vor zwei Jahren noch Chancen gesehen habe. Im Grunde agiere ich wie ein verlängerter Arm der Verlage und kann nicht gegensteuern, da die Entscheidungshoheit und Produktionsmittel in den Händen der Verlage liegen.

Nun ist ein Blog nicht der Ort, um einen Roman oder, wie bei meinem aktuellen Projekt, einen 150-seitigen Essay zu veröffentlichen. Doch auch bei Zeitungsartikeln sieht es häufig nicht besser aus: Ich schreibe weniger tagesaktuelle Auftragsarbeiten als vielmehr Polemiken, Glossen, kleine Feuilletons. Texte, die man nicht wegen des Themas nimmt, sondern bei denen alles an der Umsetzung hängt. Das heißt auch hier: schreiben, anbieten, auf eine Antwort warten; irgendwann nachhaken, schließlich, wenn überhaupt, eine Absage bekommen und sich an die nächste Zeitung oder Zeitschrift wenden. Manchmal dauert es Monate, bis der Text erscheint; manchmal ist der geeignete Zeitpunkt für eine Veröffentlichung längst verstrichen. Das Honorar, falls der Artikel erscheint: meist ein Witz.

Im Mai vergangenen Jahres dann der erste Anstoß, zu bloggen: Ich war auf dem Reunion-Konzert von Plan B, einer West-Berliner Band, die mir Ende der Achtzigerjahre viel bedeutet hat. Ich stand auf dem Konzert, in meinem Kopf begann sich ein Artikel zu schreiben – ich wusste: diesen Text muss ich machen! Mir war klar, dass ich dafür keine Zeitung finden würde; dafür war der Artikel zu wenig klassische Konzert-Rezension, außerdem hätte ich ihn vorher anbieten müssen. Also schrieb ich den Text, stellte ihn auf mein brachliegendes MySpace-Profil , verlinkte ihn auf der Facebook-Seite von Plan B. Rund 500 Menschen lasen den Text, ich bekam nette Zuschriften und Kommentare. Ich freute mich, dass Menschen sich freuten.

Ähnlich ging es mir nach dem Tod von Nils Koppruch, einem Singer-Songwriter, der mir einiges bedeutet und über den ich einen Nachruf schrieb. Es war toll, etwas zu veröffentlichen, ohne auf andere angewiesen zu sein. Ich dachte: Es ist doch egal, wie viele Menschen einen Text lesen, solange einer sich freut. Und von dem Zeilenhonorar, das die meisten Zeitungen zahlen, kann ich sowieso nicht leben. (Gleiches gilt übrigens für Bücher.)

Von Salinger heißt es, er habe in den Jahrzehnten nach der Veröffentlichung seiner letzten Geschichte nur noch für sich geschrieben: „Ich schreibe gerne. Ich liebe das Schreiben“, vertraute er 1974 einem Reporter an. „Aber nur noch für mich und zu meinem eigenen Vergnügen.“ Ein Zustand, der mir immer erstrebenswert schien. Schreiben um des Schreibens Willen, nicht für Ruhm oder Geld. Insofern ist dieses Blog auch der Versuch, den Spaß am Schreiben zurückzugewinnen. Dinge zu schreiben, die mir wichtig sind und auf die ich Lust hab, ohne dabei an Verwertungsmöglichkeiten zu denken. Oder um es mit den Worten des Agenten zu sagen: die Entscheidungshoheit und Produktionsmittel sich zurückzuholen. Und wenn es dabei noch den einen oder die andere interessiert: umso besser.

... Link (10 Kommentare) ... Comment


Online for 2588 days
Last modified: 20.01.20 13:07
Status
Sie sind nicht angemeldet
Main Menu
Suche
Calendar
April 2020
MoDiMiDoFrSaSo
12345
6789101112
13141516171819
20212223242526
27282930
Juni
Kommentare
Contact request Lieber Philip Meinhold
Wie könnte ich Sie per Email erreichen? Ich heiße Omer...
Oliverfunk, vor 3 Monaten
Oh, vielen Dank! Das freut
mich - und ich hoffe, das Buch hält dem...
philipmeinhold, vor 5 Jahren
als spross eines naziclans
hab ich jahrzehntelang meinen schuldkomplex abgearbeitet war 1987 zwei wochen...
wilhelm peter, vor 5 Jahren
Moabit Ich verstehe den Hintergrund
für den Artikel sehr gut. Dennoch bleibt zu behaupten, die...
Mario Murer, vor 6 Jahren
Hach, ja! Schön, war's!
philipmeinhold, vor 6 Jahren
Randnotiz: Der Plus in
der Stromstraße, 2002
Mama, vor 6 Jahren
Ja. Beknackt
ist ja auch, daß in den Townhouses die Wohnungen plötzlich senkrecht statt...
stralau, vor 6 Jahren
ich kenne keinen Investor, der
bereit ist, großzügige Räume im historischen Bestand (etwas Dachräume)...
Kalkspazz, vor 6 Jahren
Können Sie nicht in den
Schrank der Großeltern ziehen? Dann sind die Sachen auch...
philipmeinhold, vor 6 Jahren
Ja! Ja! Ja! Hier in
Frankfurt gibt es ja das neue "Europaviertel", von mir...
andreaffm, vor 6 Jahren
ja es ist auch gutes
übriggeblieben man erkennt an dem posting allzudeutlich dass nicht...
wilhelm peter, vor 6 Jahren
bin 60 und ziehe mir
den schuh an selten so gelacht tolle polemik lsd...
wilhelm peter, vor 6 Jahren
Oh, nein! Das kommt davon,
wenn man aufgehört hat, das Kino-ABC nach Hitchcocks zu...
philipmeinhold, vor 6 Jahren
"Blackmail" "Blackmail" lief am 28.
Juni 2011 im Babylon Mitte mit Live-Orgelbegleitung. Großartig!
donegal68, vor 6 Jahren
unabhängigkeit Hallo Herr Meinhold,
leider beleuchtet auch ihr hier verfasster Artikel die Problematik nicht wirklich....
medionso, vor 7 Jahren
Wir brauchen einen ÖR... ...
aber diesen nicht. Siehe die Beiträge oben. Ich bin überhaupt...
uessen, vor 7 Jahren
Nein... Nein, nein, nein! Mein
persönliches Nutzungsprofil des ÖR ist ziemlich überschaubar: Von selber eigentlich...
Enter, vor 7 Jahren
Alternativen Hallo Herr Meinhold !
Ich kann Abhilfe schaffen, um die Angst vor Tellerrändern (und...
rugay, vor 7 Jahren
Meinen Sie diesen Schönenborn? http://www.politaia.org/internet-und-medien/putin-lasst-gez-schonenborn-auflaufen/
Ich kann GEZ-Steuern mit meinem Gewissen nicht vereinbaren. Ihr Beitrag...
Infoliner, vor 7 Jahren
Die Graffiti-Analogie verstehe ich nicht.
Zur "Verbeamtung": Das ist ja ebenfalls eines der Vorurteile...
philipmeinhold, vor 7 Jahren
Betriebsblind. Die Leute regen sich
nicht über die sagenhafte Programmvielfalt eines Qualitätsmediums auf, sondern, über...
Scriptmaster, vor 7 Jahren
Ihre Ausführungen ähneln denen eines
15-Jährigen, der bei seiner "Grafitti-Kunst" erwischt wurde und nun...
bernd23, vor 7 Jahren
Und damit sind die GEZ-Hasser
dann in der Gesellschaft, die zumindest die undifferenzierte Kritik...
philipmeinhold, vor 7 Jahren
derselbe Fehler "Und dafür zahle
ich GEZ!" ist also nicht hilfreich und reichlich abgedroschen? Gleiches...
ThomasL, vor 7 Jahren
ich mach mir die welt
wie sie mir gefällt.. aus pipi langstrumpf,eine serie die ich...
neuheide, vor 7 Jahren

RSS feed

Made with Antville
Helma Object Publisher