zweifelturm
Sonntag, 6. April 2014
Die Mär von den bösen Medien

„Staatlich und wirtschaftlich gelenkter Dünnpfiff, der einfach streng nach Propaganda riecht. Ganz so doof ist der Michel nämlich doch nicht.“ (Online-Kommentar)

Nach den Politikern und Parteien – also „denen da oben, die mit uns ja eh machen, was sie wollen“ – hat der kleine Mann auf der Straße seit einiger Zeit ein neues Feindbild entdeckt: die Medien. Für die Rechten schon immer ein rotes Tuch – wahlweise Rot- oder Juden-Funk, in harmloseren Fällen eine von Alt-68ern unterwanderte rot-grüne Gesinnungspresse –, findet man nun auch in links-liberalen und bürgerlichen Kreisen die sogenannten „Mainstreammedien“ ganz schlimm.

Gleichgeschaltet oder ferngesteuert seien die, kann man in Online-Kommentaren und Foren lesen – und die öffentlich-rechtlichen Sender sowieso nichts anderes als ein zwangsfinanzierter Staatsfunk, der wie im Fall der Krim-Krise westliche Propaganda verbreite.

Eine Behauptung, die in ihrer Absolutheit und Pauschalität der Wahnwelt der Verschwörungstheorien entstammt. Dezidierter wird‘s denn auch selten: Wer genau ist mit den ferngesteuerten Medien gemeint? Die Verlagshäuser? Die Redaktionen? Der jeweilige Journalist? Und wie sieht die Gleichschaltung aus? Gibt es geheime Verträge? Schriftlich fixierte politische Richtlinien, an die sich jeder zu halten hat? Bei Missachtung Waterboarding im Büro des Chefredakteurs? Werden angehende Journalisten während des Volontariats Gehirnwäschen unterzogen? Und wer genau steckt dahinter: die jeweilige Regierung? Die Wirtschaft? Oder wie im Fall der Krim-Krise gerne unterstellt: die Amerikaner, deren imperialistische Gelüste selbstverständlich auch vor den deutschen Medien nicht haltmachen? Genauere Erklärungen zum Ablauf der Gleichschaltung sucht man vergebens.

Ich jedenfalls kann mich nicht erinnern, in zwanzig Jahren Tätigkeit für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk jemals politische Vorgaben bezüglich Themen, Gesprächspartnern oder Aussagen bekommen zu haben. Ich musste mich nach Zielgruppen, dem Programmprofil und – häufig nervig genug – gerade angesagten redaktionellen Moden in Bezug auf Beitragslänge oder Umsetzungsformen richten, aber politischer Einfluss auf die Inhalte? Mal ganz davon abgesehen, dass es mehr als unwahrscheinlich wäre, wenn eine derartige Manipulation bei rund 80.000 festen und freien Journalisten in Deutschland nicht ans Licht der Öffentlichkeit kommen würde.

Und was die vermeintliche Propaganda angeht: Es waren westliche Medien, die die Enthüllungen Edward Snowdens, der von nicht wenigen Medienkritikern als Held verehrt wird, in die Öffentlichkeit gebracht haben. Holger Stark und Marcel Rosenbach, die das Thema „NSA“ für den Spiegel recherchierten und unter anderem das Abhören von Merkels Handy öffentlich machten, wurden gerade erst als „Journalisten des Jahres“ geehrt – soweit her kann es mit der Steuerung der Medien durch die Amerikaner also nicht sein. (Wobei selbstverständlich zu bedenken ist, dass die Auszeichnung auch nur zur Ablenkung verliehen worden sein könnte und auch Merkels Handy womöglich gar nicht abgehört wurde, um so die Unterwanderung der deutschen Medien durch den US-Imperialismus zu kaschieren …)

Auch bei der Berichterstattung zur Krim-Krise hat noch in jeder der unzähligen Talkshows zum Thema vom russischen Botschafter über den unvermeidlichen Peter Scholl-Latour bis hin zu Gregor Gysi ein Verteidiger der russischen Politik Platz gefunden. Und wem der Tenor der meisten Medien in diesem Fall nicht passt, der kann immer noch die Texte Jakob Augsteins auf einer der weitreichenstärksten deutschen Nachrichtenwebsites lesen, deren Miteigentümer Augstein ist.

Nicht, dass es an den Medien nichts zu kritisieren gäbe: Da ist jene Skandal- und Schlagzeilenfixiertheit, die dazu führt, dass vermeintliche „Aufreger“ in immer kürzerer Zeit durchs mediale Dorf getrieben werden; da sind die Liveticker-Auswüchse der Online-Medien, wie sie der Medienjournalist Stefan Niggemeier kürzlich kritisierte (dessen Blog im Übrigen einen guten Überblick über kritik- und diskussionswürdige Entwicklungen in den Medien gibt). Da sind Fernseh-Talkshows, die nach dem immer gleichen Schema, mit den immer gleichen Gästen und Themen funktionieren und deren Erkenntnisgewinn in der Regel gering ist. Dies alles hat jedoch nichts mit Gleichschaltung oder politischer Steuerung zu tun, sondern eher mit den Veränderungen der Medienlandschaft an sich und mit dem Markt, in dem sich die Medien bewegen.

Das Problem: Die Behauptung, die deutschen Medien wären gleichgeschaltet, steht der berechtigen Kritik an ihnen im Weg, weil sie die wahren Ursachen und Probleme negiert. Wie alle Verschwörungstheorien ist sie regressiv und verschließt sich einer auf Veränderung zielenden Analyse.

Natürlich gibt es den Versuch politischer Einflussnahme. Die Absetzung von ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender durch die Unions-Mehrheit im ZDF-Verwaltungsrat sorgte für einen Skandal; in der Folge hat das Bundesverfassungsgericht die Macht von Politikern in Fernseh- und Rundfunkräten begrenzt. Es gibt Anrufe von Politikern in Chefredaktionen, mit der Absicht, Einfluss auf die Berichterstattung zu nehmen – was jedoch, wenn es rauskommt, jedes Mal zu einem veritablen Eklat führt und als verwerfliche Ausnahme von der Regel zeigt: Im Großen und Ganzen funktioniert das mit der Pressefreiheit hierzulande ganz gut.

Bei aller berechtigter und notwendiger Kritik – und auch wenn es fast peinlich ist, dies zu sagen: Wir haben in Deutschland vermutlich eine der besten und vielfältigsten Medienlandschaften der Welt, wo von Junger Freiheit bis Junger Welt noch jeder den Schwachsinn lesen kann, der seine Vorurteile am besten bestätigt.

Am liebsten möchte man all jene, die im Internet munter von der Gleichschaltung der deutschen Medien fabulieren, mal zu einem halben Jahr Berlusconi-Fernsehen und Putin-Presse verdonnern. Aber vermutlich würde selbst das nichts ändern – es muss einfach ein wahnsinniger Reiz darin liegen, sich von höheren, undurchsichtigen Mächten ständig verarscht und verfolgt zu fühlen. Ganz so schlau ist der Michel dann doch nicht. Aber glücklicherweise ist auch dies von der Meinungs- und Pressefreiheit hierzulande gedeckt.

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Mittwoch, 5. März 2014
Der Club der toten Denker
Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, kurz ADS, ist gemeinhin etwas, was man bei kleinen Jungs und Heranwachsenden diagnostiziert. Doch seit Neuestem hat sich im deutschen Feuilleton und der artverwandten Publizistik eine Spielart der nervtötenden Krankheit verbreitet, die vor allem gutbürgerliche Männer um die Sechzig befällt.

Erste Anzeichen dieser gerontologischen ADS-Variante ließen sich vor ein paar Jahren bei den einstigen Großschriftstellern Walser und Grass erkennen, die mit antisemitischen Stereotypen in Wort und Schrift für mediale Aufregung sorgten. Ließen sich die Ausfälle damals noch als singuläre Vorkommnisse verwundert zur Kenntnis nehmen, so haben sie sich mittlerweile zu einer regelrechten Epidemie ausgewachsen. Deren auffälligstes Symptom: eine in Folge langjähriger medialer Präsenz erworbene Schlagzeilensucht, die in Verbindung mit den hyperaktiven Anteilen der Störung zu einer Schreib-Diarrhö in Form von Kolumnen, Büchern und Blogtexten führt.

Egal, ob Harald Martenstein, Matthias Matussek oder Reinhard Mohr: Wie Flitzer, die im Fußballstadion übers Spielfeld keilen, lassen die einstigen Feuilleton-Granden keine Gelegenheit aus, sich öffentlich selbst zu desavouieren, wobei sie auch der Verlust ihrer intellektuellen Rest-Reputation nicht schreckt. Bevorzugtes Thema ihrer geradezu aberwitzigen medialen Krawallsucht ist der Kampf gegen alles politisch Korrekte, sogenanntes „Gutmenschentum“ und „Gleichmacherei“.

So erklärte Matussek in einer selbstverständlich ironisch gemeinten Überschrift: „Ich bin wohl homophob, und das ist auch gut so“, während Reinhard Mohr angesichts der Diskussion um die Berliner Mohrenstraße in einer Radiokolumne argwöhnte: „Hilfe, mein Name ist nicht korrekt!“ Und Harald Martenstein greift sowieso dankbar jedes Thema auf, um von Blackfacing bis Frei.Wild gegen vermeintliche „Denkverbote“ anzuschreiben – was auf kuriose Weise mit der eigenen Denkfaulheit korreliert.

Bereits in einem fortgeschrittenen Stadium der Aufmerksamkeitshuberei scheint sich bekanntlich Thilo Sarrazin zu befinden, der mit „Deutschland schafft sich ab“ zwar das meistverkaufte Sachbuch nach 1945 schrieb und dem die Bild-Zeitung noch für jeden quersitzenden Furz eine Bühne bietet, was ihn jedoch nicht davon abhält, in seinem jüngsten wahndurchzogenen Werk „über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland“ zu schwadronieren.

Dabei weist die Ich-Bezogenheit der genannten Texte neben einer auf Schlagzeilen und Skandale geeichten Medienwelt auf eine weitere Ursache des multifaktoriell bedingten Störungsbilds hin: ein gerüttelt Maß an Eitelkeit der Betroffenen, geradezu mustergültig von Welt-Kolumnist Matussek vorgeführt, der in einer Entgegnung auf den Medienjournalisten Stefan Niggemeier den 15 Jahre jüngeren Kollegen zum publizistischen Schwanzvergleich lädt. Dabei zählt Matussek zunächst zeilengreifend seine beruflichen Stationen und medialen Großtaten auf – zwanzig Bücher, „davon drei Bestseller, die entschlossen quer zu Zeitgeist und Mode stehen, ferner Romane, Kurzgeschichten, TV-Formate“, und: „Jawoll, auch ich stehe in Unterrichtsbüchern“, weshalb sich auch niemand mehr über Deutschlands PISA-Ergebnisse wundern muss –, um sich gegen Ende des Texts schließlich selbst zu zitieren.

Mit der Eitelkeit einher geht offenbar die Kränkung des Alterns, weshalb Matussek nicht nur die LSD-Trips seiner Jugend erwähnt, sondern auch, dass er „alle möglichen Formen der Sexualität erprobt hat“ – wobei ihm die narzisstische Schreib-Onanie offensichtlich am meisten behagt.

Bleibt die Frage, wie sich der ADS-Befall der Alt-Feuilletonisten am besten eindämmen lässt: Sollte man es weiterhin mit der homöopathischen Verabreichung von Argumenten probieren, gegen die sich die Betroffenen meist immun erweisen? Oder warten, bis das Problem sich biologisch löst? Therapie erschwerend ist in jedem Fall, dass die Protagonisten aus ihren Provokationen ein einträgliches Geschäftsmodell machen konnten: So dürfte es Thilo Sarrazin mit seiner Sachbuch-Trilogie „Thilo gegen den Rest der Welt“ zum Millionär gebracht haben – während Harald Martenstein jedes noch so kleine Thema verwertet, das es auf die Tagesordnung einer Bezirksverordnetenversammlung schafft, um mit einem vermeintlichen Tabubruch halbwegs recherchefrei seine Kolumnen zu füllen.

Am wirksamsten wäre vermutlich eine Schocktherapie, bei der Medien und Öffentlichkeit die Betroffenen mit Aufmerksamkeit verschonen – was indes gar nicht so einfach ist. Es ist ein bisschen wie bei einem Autounfall: Man kann einfach nicht aufhören hinzusehen.

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Dienstag, 26. November 2013
Hitchcock im Hinterhof
Die Kinostadt West-Berlin


Ein Sommerabend in Kreuzberg, anno 2012: Auf einem Hinterhof lümmeln etwa fünfzig Menschen auf Bierbänken und in Liegestühlen rum, an die Brandwand des Hauses wird ein Film projeziert: der Film-Noir-Klassiker „Kiss me deadly“. Die Vorstellung steht in keinem Kinoprogramm, der Eintritt ist frei, das Bier wird aus der Kneipe gegenüber geholt. Was wie eine Szenerie aus der Nachkriegszeit wirkt, bei der junge Menschen einen Kinoabend improvisieren, lässt sich auch als Symptom einer Entwicklung deuten. Wie Unkraut, das durch die Fugen der Betonplatten bricht, suchen sich die Freunde des abseitigen Films ihren Platz.

Dabei war Berlin immer Kinostadt: Fast 400 Lichtspielhäuser gab es hier vor rund hundert Jahren – Kinopaläste mit luxuriösen Zuschauerräumen, riesigen Leinwänden und noblen Foyers. „Die großen Lichtspielhäuser in Berlin sind Paläste, sie schlicht als Kinos zu bezeichnen wäre despektierlich!“, schrieb die Frankfurter Zeitung 1926. Das größte Kino der Stadt war mit 1800 Plätzen das Universum am Ku‘damm, in dem heute die Schaubühne residiert; im Gloria-Palast wurde der weltweit erste Tonfilm gezeigt. Auch das älteste noch betriebene Kino Deutschlands findet sich in Berlin: Seit 1907 gibt es das Moviemento am Kottbusser Damm, in einem Wohnhaus in der ersten Etage. In den Achtzigern arbeitete Tom Tykwer hier als Filmvorführer, später gestaltete er das Programm.

Und auch meine cineastische Sozialisation lässt sich anhand der Kinos West-Berlins erzählen: Im Zehlendorfer Bali sah ich mit „Mary Poppins“ meinen ersten Film; als ich zwölf war, fuhr ich sonntags regelmäßig ins Thalia in Lankwitz, um Elvis-Filme zu gucken. Mit dreizehn begann ich mit einem Freund, die Filme Alfred Hitchcocks zu sammeln. Nicht auf Video, geschweige denn DVD, sondern indem wir sie sahen. Wir besaßen jeder einen Bildband mit Fotos und Texten zu Hitchcocks Filmen, im Inhaltsverzeichnis vermerkten wir jeden gesammelten Film mit einem Bleistiftpunkt hinter dem Titel. Das Ziel: 57 Punkte.

Es gab noch keine gut sortierten Videotheken, erst recht kein Internet – und im Fernsehen nur fünf Programme. Alle zwei Wochen durchforsteten wir die Filmübersicht der Stadtmagazine auf der Suche nach neuen Hitchcocks. Die Chancen standen nicht schlecht. Berlin war ein Off-Kino-Eldorado, mit Klein-, Kleinst- und Kiezkinos jeder Couleur. Die zeigten Stumm- und Schwarz-Weiß-Filme, Kulthits und Randständiges, Perlen und echten Trash. Jedes Kino hatte sein eigenes Profil. Das Wilmersdorfer Eva zeigte den ortsansässigen Bildungsbürgern zwei Jahre lang den Oscar-prämierten Film „Amadeus“ (nur sonntags zur Matinee liefen, vermutlich den Wilmersdorfer Witwen zuliebe, Heimatfilme aus der Nazizeit); das Weddinger Alhambra zeigte jahrelang „Wedding“. Jedes Wochenende gab es in den verschiedensten Kinos „Lange Nächte“: Im Manhattan, in der Kulturwüste des Märkischen Viertels, sahen wir eine lange Woody-Allen-Nacht, im Weddinger Sputnik zehn Stunden Sergio Leone am Stück. Es gab John-Carpenter-Doppel und Marx-Brothers-Dreier – und im Moviemento-Vorgänger Tali Samstag für Samstag „Die Rocky Horror Picture Show“.

Unsere Sammelleidenschaft führte uns in die entlegensten Winkel der Stadt und an die abwegigsten Orte. Im Smokie im Ku‘dammeck durfte man rauchen, im Studio am Adenauerplatz gewöhnten wir uns das Kaffeetrinken an: Hier gab es zu den Filmen kostenlosen Kaffee. Im Hausprojekt KOB wurden über Beamer Filme mit Fernsehlogo in der Ecke auf die Leinwand geworfen; an der improvisierten Kasse gab es neben Schokoriegeln und Becks auch rauchfertige Joints zu kaufen. Im Schwulentreff Aha saßen wir eingeschüchtert auf versifften Sofas – wir wollten schließlich nur einen Hitchcock-Film sehen!

Mitte der Achtziger dann ein seltener Glücksfall: Fünf Hitchcock-Filme kamen in restaurierter Fassung ins Kino, nachdem sie jahrzehntelang nicht gezeigt worden waren. Im Saal 1 des Zoo-Palastes sahen wir „Vertigo“; im Foyer des Gloria-Palastes traten wir in einen Sitzstreik, weil man uns „Cocktail für eine Leiche“ nicht sehen lassen wollte, freigegeben erst ab 16 Jahren.

Das Aufstöbern nicht gesehener Hitchcock-Filme wurde mit fortschreitender Sammlung naturgemäß schwerer. In der Filmübersicht der Stadtmagazine wurden wir immer seltener fündig, nur das selten aufgeführte Frühwerk fehlte uns noch. Die Entwicklung der Kinolandschaft tat ein Übriges. Aus dem kleinen Alhambra wurde ein vierstöckiges Multiplex, das das Weddinger Prekariat mit Massenware und Popcorn in Eimern versorgt; kleinere Kinos wie Kurbel, Filmkunst 66 und Studio machten nach und nach dicht. Von den ehemals 22 Kinos am Ku‘damm – bis 1998 die Gegend mit der höchsten Kinodichte in Deutschland – haben ganze zwei überlebt. Im Gloria-Palast residiert Benetton, im Marmorhaus Zara, und in der Film-Bühne Wien, in der ich als Kind einst das „Dschungelbuch“ sah, öffnete kürzlich ein Applestore.

Natürlich ist das Angebot an Kinos in Berlin nach wie vor vergleichsweise gut: Es gibt Filmtheater, in denen Originalfassungen laufen; es gibt unabhängige Kinos, in denen man Raritäten sehen kann. Im Kreuzberger Regenbogenkino läuft eine lose Filmreihe mit dem Titel „Blick in die Filmgeschichte der 60er Jahre“, das Eva in Wilmersdorf zeigt sonntags immer noch alte deutsche Filme – die Wilmersdorfer Witwen sterben nicht aus. Doch es sind nur noch eine Handvoll Kinos, die sich so etwas leisten. Selbst die Filmauswahl der Arthouse-Kinos ist geringer geworden, weniger fragmentiert und verschroben. Die Kinolandschaft spiegelt die Entwicklung der Stadt: Die Mieten steigen, der Mainstream macht Druck, der Platz für Nischen wird enger. Allmählich muss ich mich wohl an den Gedanken gewöhnen, dass ich die wenigen Hitchcock-Filme, die mir noch fehlen, nicht mehr sehe.

Aber wer weiß: Vielleicht wird an einem jener improvisierten Filmabende auf einem Kreuzberger Hinterhof demnächst ja „Waltzes from Vienna“ oder „Blackmail“ gezeigt. Dann könnte ich zum ersten Mal seit fast zwanzig Jahren wieder einen Bleistiftpunkt in mein Hitchcock-Buch machen. Allen Multiplexen zum Trotz.


Dieser Text stammt aus dem E-Book „O Jugend, o West-Berlin“.

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Letzte Änderung: 06.04.14 14:59
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ja es ist auch gutes übriggeblieben man erkennt an dem posting allzudeutlich dass nicht...
wilhelm peter, vor 11 Tagen
bin 60 und ziehe mir den schuh an selten so gelacht tolle polemik lsd...
wilhelm peter, vor 43 Tagen
Oh, nein! Das kommt davon, wenn man aufgehört hat, das Kino-ABC nach Hitchcocks zu...
philipmeinhold, vor 141 Tagen
"Blackmail" "Blackmail" lief am 28. Juni 2011 im Babylon Mitte mit Live-Orgelbegleitung. Großartig!
donegal68, vor 141 Tagen
unabhängigkeit Hallo Herr Meinhold, leider beleuchtet auch ihr hier verfasster Artikel die Problematik nicht wirklich....
medionso, vor 370 Tagen
Wir brauchen einen ÖR... ... aber diesen nicht. Siehe die Beiträge oben. Ich bin überhaupt...
uessen, vor 371 Tagen
Nein... Nein, nein, nein! Mein persönliches Nutzungsprofil des ÖR ist ziemlich überschaubar: Von selber eigentlich...
Enter, vor 375 Tagen
Alternativen Hallo Herr Meinhold ! Ich kann Abhilfe schaffen, um die Angst vor Tellerrändern (und...
rugay, vor 375 Tagen
Meinen Sie diesen Schönenborn? http://www.politaia.org/internet-und-medien/putin-lasst-gez-schonenborn-auflaufen/ Ich kann GEZ-Steuern mit meinem Gewissen nicht vereinbaren. Ihr Beitrag...
Infoliner, vor 375 Tagen
Die Graffiti-Analogie verstehe ich nicht. Zur "Verbeamtung": Das ist ja ebenfalls eines der Vorurteile...
philipmeinhold, vor 376 Tagen
Betriebsblind. Die Leute regen sich nicht über die sagenhafte Programmvielfalt eines Qualitätsmediums auf, sondern, über...
Scriptmaster, vor 377 Tagen
Ihre Ausführungen ähneln denen eines 15-Jährigen, der bei seiner "Grafitti-Kunst" erwischt wurde und nun...
bernd23, vor 377 Tagen
Und damit sind die GEZ-Hasser dann in der Gesellschaft, die zumindest die undifferenzierte Kritik...
philipmeinhold, vor 377 Tagen
derselbe Fehler "Und dafür zahle ich GEZ!" ist also nicht hilfreich und reichlich abgedroschen? Gleiches...
ThomasL, vor 377 Tagen
ich mach mir die welt wie sie mir gefällt.. aus pipi langstrumpf,eine serie die ich...
neuheide, vor 377 Tagen
Die Vorwürfe, nach der das öffentlich-rechtliche Fernsehen ganz böse sei, kommen ja in der...
zahnwart, vor 377 Tagen
Die ÖR machen jeden Tag meinen Stuhl hart und fest.
saunabiber, vor 377 Tagen
Die ÖR sind schuld dass ich das Internet nicht bedienen kann Laut SIPRI (Stockholm International...
Lars T., vor 377 Tagen
Es reicht einfach Der öffentlich-rechtliche Rundfunk (ÖRR), geriert sich stets, als sei er das Bollwerk...
Maleschko, vor 377 Tagen
Dafür zahl ich GEZ... ...verwende ich für - mies recherchierte Beiträge öffentlich rechtlicher Magazine. -...
Skeeve, vor 377 Tagen
So nicht Autobahnen und Kindergärten denen dem Allgemeinwohl während niemand einen Lanz braucht der jede...
Teracon, vor 377 Tagen
"Gerade dafür zahlt man das Geld!" -> Dinge aushalten, die mir nicht gefallen gibts...
pseu donym, vor 377 Tagen
"ja, aber...." ...auch diesen Satz hat man bestimmt tausend mal gehört. Dennoch will ich damit...
pierpo, vor 378 Tagen
Auf jeden Fall, gibt ja auch genügend Dinge, die diskussionswürdig sind. Das sollte sich...
philipmeinhold, vor 378 Tagen
Toll! Gut geschrieben. Kritik müssen die öffentlich-rechtlichen Medien aushalten - aber nicht jede.
Tomcat_, vor 378 Tagen

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