zweifelturm
Samstag, 4. Oktober 2014
Das Allerallerwichtigste - Xavier Naidoo im Wortlaut
Gestern sprach Xavier Naidoo in Berlin erst auf einer Versammlung der sogenannten Reichsbürger, anschließend ein paar Meter weiter auf einer Mahnwache für den Frieden. Hier der Wortlaut seiner zweiten Rede (ab 05:30) – rhetorisch irgendwo zwischen Edmund Stoiber und Erich „Ich liebe doch alle Menschen“ Mielke.

Natürlich bin ich es ja gewohnt, auf der Bühne zu stehen. Erst mal Hallo, schön, dass ihr hier seid. Ich hab auch tatsächlich Angst vor so Veranstaltungen, wo die Leute so viele Kameras zücken und so. Aber ich glaub, ich muss einfach auch hier sein, dass wir dieses Land … dass wir‘s zulassen, dass dieses Land in jeden Krieg zieht. Und wir müssen alles dafür tun, wir müssen alles dafür tun, dass diese Dinge nicht mehr passieren. Wir müssen aber vor allem zusammenkommen. Was mir heute ‘n bisschen im Herz weh getan hat, ist, dass natürlich immer die Grenze gezogen wird: Da sind die da drüben, die wollen dieses Reichsding, dann gibt‘s die – die sind gut, die sind schlecht, darum geht‘s mir nicht. Mir muss es um die Liebe gehen, mir muss es um die Liebe zu dieser Sprache, um die Liebe zu diesen Menschen, diesem Land und die Liebe zu vielen Dingen, die in diesem Land für mich passiert sind, und dafür möcht ich gerne kämpfen, und dafür steh ich auch gerne mit meinem Namen ein und mit meinem Gesicht und mit allem. Wir müssen alle mal ein bisschen genauer hinschauen, einfach genauer hinschauen, jeder kann sich informieren, und wir müssen auf jeden Fall in der Liebe bleiben, das ist das Allerallerwichtigste. Ich liebe die da drüben, ich liebe euch, ich möchte mich vor keinen Karren sperren lassen, ich möchte aber auch, dass es bitte bitte bitte keinen Krieg mehr gibt, an dem Deutschland irgendwie mitwirkt, das müssen wir irgendwie hinkriegen. Das ist alles, was ich zu sagen habe eigentlich. Ich sing euch jetzt auch gerne noch mal einen Song, der mir vor ein paar Jahren aus der Feder gerutscht ist. Den hab ich auch da drüben gesungen. Ich glaub, da müssen wir uns irgendwie alle zusammenkriegen, wir müssen zusammenkommen.

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Montag, 15. September 2014
Coming of age … and you don‘t stop!
Am Anfang steht eine Liste von – aus dem Kopf heraus – 20 Büchern. Mein Freund und Kollege Bov hat mich für die #10BooksChallenge nominiert. Sprich: Ich soll bei Facebook zehn Bücher kundtun, die mich geprägt, beeindruckt, wasauchimmer haben. Schnell wird klar: Es sind nicht unbedingt die literarisch bedeutenderen Bücher, die sich durchsetzen können – im Grunde schreibt sich meine Liste ganz von allein. Nicht Goethes Werther, Schnitzlers Traumnovelle oder Büchners Lenz, die ich allesamt toll find, stattdessen: Bücher, die dafür gesorgt haben, dass ich schreiben will; die mich in meinem Schreiben beeinflusst haben – und wenn nicht dies, so zumindest in der Wahl meiner Zigarettenmarke. Und mehr kann man ja wohl von Literatur nicht verlangen. Hier die zehn Bücher, die mir mehr bedeuten, als dass sie bloß gut sind:

1. J.D. Salinger: Der Fänger im Roggen
2. Ulrich Plenzdorf: Die neuen Leiden des jungen W.
3. Charles Bukowski: Das Schlimmste kommt noch – oder Fast eine Jugend
4. Jörg Fauser: Rohstoff
5. Erich Kästner: Doktor Erich Kästners lyrische Hausapotheke
6. Hans Fallada: Ein Mann will nach oben
7. Tom Crepon: Leben und Tode des Hans Fallada
8. Thommie Bayer: Das Herz ist eine miese Gegend
9. Philippe Djian: Rückgrat
10. Ruth Klüger: weiter leben

(Am Ende doch erstaunlich konsistent, wie mich dünkt: Coming of age … and you don‘t stop!)

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Freitag, 29. August 2014
Der Nächste, bitte!
Darf‘s ein Iced Flat White sein? Im großen Berliner Szenekiez-Roulette ist die Kugel jetzt bei Moabit liegen geblieben. Obwohl ich viele Jahre genau darauf gesetzt hab, will ich den Gewinn nicht mehr haben.

Vor gut zehn Jahren schrieb ich für ein großes Berliner Stadtmagazin einen Artikel über Moabit, in dem ich den Lesern das Viertel als einen lebenswerten Kiez andiente. Ich lobte den Tiergarten, den Plötzensee, die Lage, die Mieten – meine These: Moabit habe das Potenzial zum Szenebezirk. Damals wurde man noch angesehen, als käme man von einem anderen Stern, wenn man sagte, dass man hier wohne. Es gab keine Touristen, keine Clubs, keine Szenekneipen – und so gut wie nie kam einer meiner Freunde hierher, um sich mit mir zu treffen. Der Name des Viertels wurde allenfalls mit unschönen Wortverbindungen assoziiert: Justizvollzugsanstalt, Kriminalgericht, Krankenhaus. Hier gab es das Hauptquartier der Berliner Hells Angels, die Drogen- und Trinkerszene im Kleinen Tiergarten – und im Memory II (Sektfrühstück für 6,50 Mark) wurde sogar mal einer erschossen.

Bei Plus an der Stromstraße konnte sich nicht einmal die Wursttheke halten, weil das Geld der Anwohner gerade mal für die abgepackte Mettwurst reichte; und zwischen all den holzgetäfelten Eckpinten und einer handvoll gutbürgerlicher, aber sterbenslangweiliger Cafés gab es genau eine Kneipe, in der sich der angenehme Teil der Nachbarschaft traf. Wir passten an einen Tresen.

Doch trotz meines beschwörenden Artikels tat sich hier viele Jahre lang nichts, außer dass ein Internetcafé öffnete, während ein anderes schloss, und die Stromstraße versuchte, in Sachen Spielcasinodichte Las Vegas den Rang abzulaufen.

Als dann tatsächlich die ersten Vorboten der Veränderung kamen, nahmen wir Alteingesessenen diese halb belustigt, halb erstaunt zur Kenntnis: Am S-Bahnhof Westhafen eröffnete ein Hostel (Haha!); in der sanierten Markthalle gab es statt Currywurst und Engelhardt jetzt Bio-Burger und selbstgebrautes Bier (Warum nicht?); und auf der Brache der ehemaligen Paechbrot-Fabrik machte sich ein Einkaufszentrum namens Moa-Bogen breit, mit Fitnessstudio, Berlins größtem Asia-Buffet und Hotel – sowie einem Supermarkt mit riesiger Frischtheke für Wurst, Käse und Fisch (also doch!).

Seit ein paar Monaten geht es nun Schlag auf Schlag: Eine Coffee Bar verkauft Iced Chai, Blended Espresso und – whatever that means – Iced Flat White; direkt daneben eröffnet demnächst ein Second Hand Store für Edeltrash. Auf Stromkästen werben Plakate für eine Elektro-Party namens „Klangtherapie Moabit“ (mit DJ vom Tresor und dem Suicice Circus), sogar Barhopping kann man betreiben: Es gibt eine Tapas-, eine Nobel- und zwei Hipsterbars, letztere mit den üblichen unverputzten Wänden, zusammengeklaubten Wohnzimmermöbeln und einem Getränkeangebot von Mate Jäger bis Aperol Spritz. Dort, wo sich einst eine der ranzigsten Imbissbuden West-Berlins befand, kann man sich jetzt statt „Pommes rot-weiß“ ein Frühstücksangebot in den Geschmacksrichtungen herzhaft, vegetarisch und vegan bestellen. Was ist nur mit der guten, alten Asozialität geschehen? Man hört das Geräusch von Rollkoffern auf Kopfsteinpflaster, Englisch, Französisch – das dümmste Gewäsch verstehe ich zum Glück nur auf deutsch („Sie wollte ihn pushen, damit er sich als Künstler etablieren kann. Er ist immer so negativ.“)

Vor zehn Jahren hätte ich mich über jede einzelne dieser neuen Lokalitäten und Läden gefreut – und ein wenig tue ich das zugegebenermaßen noch immer: ein Kulturzentrum! Eine Bar! Ein Café! Doch die Zeit der ungetrübten Freude ist, was diese Dinge angeht, seit ein paar Jahren vorbei. Wir wissen, was das bedeutet: die Mieten! Die Monokultur! Dieser Hype! Wahrscheinlich ist es hier die nächsten zwei, drei Jahre ganz nett, fünf weitere bezahl- und aushaltbar. Danach kommen die Junggesellenabschiede, die Bierbikes, und einem wird in den Hausflur gereiert. Mieter ohne Altverträge und erkleckliches Einkommen können nach Reinickendorf, Marzahn und in die Uckermark ziehen.

Mein Artikel für das Stadtmagazin vor zehn Jahren endete übrigens mit dem Satz: „Wahrscheinlich, ist es das, was mir hier am besten gefällt: dass Moabit Szenebezirk werden könnte. Aber es wohl niemals wird.“ Mein Gott, ich war jung und naiv.

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Letzte Änderung: 04.10.14 14:45
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Kommentare
Moabit Ich verstehe den Hintergrund für den Artikel sehr gut. Dennoch bleibt zu behaupten, die...
Mario Murer, vor 76 Tagen
Hach, ja! Schön, war's!
philipmeinhold, vor 86 Tagen
Randnotiz: Der Plus in der Stromstraße, 2002
Mama, vor 86 Tagen
Ja. Beknackt ist ja auch, daß in den Townhouses die Wohnungen plötzlich senkrecht statt...
stralau, vor 93 Tagen
ich kenne keinen Investor, der bereit ist, großzügige Räume im historischen Bestand (etwas Dachräume)...
Kalkspazz, vor 94 Tagen
Können Sie nicht in den Schrank der Großeltern ziehen? Dann sind die Sachen auch...
philipmeinhold, vor 94 Tagen
Ja! Ja! Ja! Hier in Frankfurt gibt es ja das neue "Europaviertel", von mir...
andreaffm, vor 94 Tagen
ja es ist auch gutes übriggeblieben man erkennt an dem posting allzudeutlich dass nicht...
wilhelm peter, vor 231 Tagen
bin 60 und ziehe mir den schuh an selten so gelacht tolle polemik lsd...
wilhelm peter, vor 263 Tagen
Oh, nein! Das kommt davon, wenn man aufgehört hat, das Kino-ABC nach Hitchcocks zu...
philipmeinhold, vor 360 Tagen
"Blackmail" "Blackmail" lief am 28. Juni 2011 im Babylon Mitte mit Live-Orgelbegleitung. Großartig!
donegal68, vor 361 Tagen
unabhängigkeit Hallo Herr Meinhold, leider beleuchtet auch ihr hier verfasster Artikel die Problematik nicht wirklich....
medionso, vor 590 Tagen
Wir brauchen einen ÖR... ... aber diesen nicht. Siehe die Beiträge oben. Ich bin überhaupt...
uessen, vor 591 Tagen
Nein... Nein, nein, nein! Mein persönliches Nutzungsprofil des ÖR ist ziemlich überschaubar: Von selber eigentlich...
Enter, vor 594 Tagen
Alternativen Hallo Herr Meinhold ! Ich kann Abhilfe schaffen, um die Angst vor Tellerrändern (und...
rugay, vor 594 Tagen
Meinen Sie diesen Schönenborn? http://www.politaia.org/internet-und-medien/putin-lasst-gez-schonenborn-auflaufen/ Ich kann GEZ-Steuern mit meinem Gewissen nicht vereinbaren. Ihr Beitrag...
Infoliner, vor 595 Tagen
Die Graffiti-Analogie verstehe ich nicht. Zur "Verbeamtung": Das ist ja ebenfalls eines der Vorurteile...
philipmeinhold, vor 596 Tagen
Betriebsblind. Die Leute regen sich nicht über die sagenhafte Programmvielfalt eines Qualitätsmediums auf, sondern, über...
Scriptmaster, vor 596 Tagen
Ihre Ausführungen ähneln denen eines 15-Jährigen, der bei seiner "Grafitti-Kunst" erwischt wurde und nun...
bernd23, vor 596 Tagen
Und damit sind die GEZ-Hasser dann in der Gesellschaft, die zumindest die undifferenzierte Kritik...
philipmeinhold, vor 596 Tagen
derselbe Fehler "Und dafür zahle ich GEZ!" ist also nicht hilfreich und reichlich abgedroschen? Gleiches...
ThomasL, vor 596 Tagen
ich mach mir die welt wie sie mir gefällt.. aus pipi langstrumpf,eine serie die ich...
neuheide, vor 597 Tagen
Die Vorwürfe, nach der das öffentlich-rechtliche Fernsehen ganz böse sei, kommen ja in der...
zahnwart, vor 597 Tagen
Die ÖR machen jeden Tag meinen Stuhl hart und fest.
saunabiber, vor 597 Tagen
Die ÖR sind schuld dass ich das Internet nicht bedienen kann Laut SIPRI (Stockholm International...
Lars T., vor 597 Tagen

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