zweifelturm
Mittwoch, 30. April 2014
Sexyland ist abgebrannt ...

"Zauberland ist abgebrannt / Und brennt noch irgendwo."
(Rio Reiser)

Bei Facebook gibt es bekanntlich für fast alles eine Gruppe, der man beitreten kann. Kürzlich war ich dann aber doch überrascht. Da erhielt ich eine Einladung der Gruppe „Wir wollen den Athener Grill am Kudamm zurück“. Der Athener Grill – von uns Jugendlichen liebevoll nur „der Athener“ genannt – war in den Achtzigern ein Selbstbedienungsrestaurant am Lehniner Platz, direkt neben der Bhagwan-Disco Far Out, die es ebenfalls nicht mehr gibt.

Im Far Out konnte man barfuß unter einem riesigen Osho-Bild tanzen, im Athener anschließend jede Menge billiges, fettes Essen vertilgen. Wir bestellten meist ein Gericht, das wir „Prollpies with cheepchease“ nannten – Prollpizza mit Schafskäse, die wir zwischen zwei Pide-Hälften einklappten. Einem Freund gelang es in wochenlanger Arbeit sogar, die Bons zu fälschen, für die man das sowieso schon preiswerte Essen bekam.

Es ist schon erstaunlich, wie man mit zunehmendem Alter selber zum Zeitzeugen wird, weil die Stadt, in der man lebt, sich verändert. Unser halbes West-Berlin ist verschwunden: Im Athener ist eine Spielhalle, im Far Out eine Schicki-Disco; die Deutschlandhalle wird durch den City Cube ersetzt und ins ICC kommt womöglich eine Shopping-Mall. Sogar das Big Sexyland gibt es nicht mehr, wie ich kürzlich feststellen musste – plattgemacht von der imperialistischen Pornoindustrie im Internet. Oder um es mit einem philosophisch bewanderten Freund zu sagen: Nichts wird besser.

Das Sexyland war eine Mischung aus Sexshop und Pornokino, das vor allem für das Plakat bekannt war, mit dem es jahrzehntelang warb: eine sich lasziv im Bauchnabel prökelnde barbusige Dame, die Max Goldt in einem Text einmal „Mademoiselle Gesichtsausdruck“ taufte. In die Räume zieht demnächst irgendein Flagshipstore.

Noch erstaunlicher ist allerdings die Wehmut, die einen angesichts dieser Verluste befallen kann. Ich zum Beispiel verspüre plötzlich eine tiefe Sehnsucht, barfuß unter einem Bhagwan-Bild zu tanzen und anschließend eine fetttriefende Pizza zwischen zwei Pide-Hälfte zu verspeisen. Und für einen Augenblick spiele ich sogar mit dem Gedanken, eine Facebook-Gruppe namens „Wir wollen wieder im Big Sexyland onanieren“ zu gründen. Die Jungs aus der Athener-Gruppe wären bestimmt auch dabei.

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Sonntag, 6. April 2014
Die Mär von den bösen Medien

„Staatlich und wirtschaftlich gelenkter Dünnpfiff, der einfach streng nach Propaganda riecht. Ganz so doof ist der Michel nämlich doch nicht.“ (Online-Kommentar)

Nach den Politikern und Parteien – also „denen da oben, die mit uns ja eh machen, was sie wollen“ – hat der kleine Mann auf der Straße seit einiger Zeit ein neues Feindbild entdeckt: die Medien. Für die Rechten schon immer ein rotes Tuch – wahlweise Rot- oder Juden-Funk, in harmloseren Fällen eine von Alt-68ern unterwanderte rot-grüne Gesinnungspresse –, findet man nun auch in links-liberalen und bürgerlichen Kreisen die sogenannten „Mainstreammedien“ ganz schlimm.

Gleichgeschaltet oder ferngesteuert seien die, kann man in Online-Kommentaren und Foren lesen – und die öffentlich-rechtlichen Sender sowieso nichts anderes als ein zwangsfinanzierter Staatsfunk, der wie im Fall der Krim-Krise westliche Propaganda verbreite.

Eine Behauptung, die in ihrer Absolutheit und Pauschalität der Wahnwelt der Verschwörungstheorien entstammt. Dezidierter wird‘s denn auch selten: Wer genau ist mit den ferngesteuerten Medien gemeint? Die Verlagshäuser? Die Redaktionen? Der jeweilige Journalist? Und wie sieht die Gleichschaltung aus? Gibt es geheime Verträge? Schriftlich fixierte politische Richtlinien, an die sich jeder zu halten hat? Bei Missachtung Waterboarding im Büro des Chefredakteurs? Werden angehende Journalisten während des Volontariats Gehirnwäschen unterzogen? Und wer genau steckt dahinter: die jeweilige Regierung? Die Wirtschaft? Oder wie im Fall der Krim-Krise gerne unterstellt: die Amerikaner, deren imperialistische Gelüste selbstverständlich auch vor den deutschen Medien nicht haltmachen? Genauere Erklärungen zum Ablauf der Gleichschaltung sucht man vergebens.

Ich jedenfalls kann mich nicht erinnern, in zwanzig Jahren Tätigkeit für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk jemals politische Vorgaben bezüglich Themen, Gesprächspartnern oder Aussagen bekommen zu haben. Ich musste mich nach Zielgruppen, dem Programmprofil und – häufig nervig genug – gerade angesagten redaktionellen Moden in Bezug auf Beitragslänge oder Umsetzungsformen richten, aber politischer Einfluss auf die Inhalte? Mal ganz davon abgesehen, dass es mehr als unwahrscheinlich wäre, wenn eine derartige Manipulation bei rund 80.000 festen und freien Journalisten in Deutschland nicht ans Licht der Öffentlichkeit kommen würde.

Und was die vermeintliche Propaganda angeht: Es waren westliche Medien, die die Enthüllungen Edward Snowdens, der von nicht wenigen Medienkritikern als Held verehrt wird, in die Öffentlichkeit gebracht haben. Holger Stark und Marcel Rosenbach, die das Thema „NSA“ für den Spiegel recherchierten und unter anderem das Abhören von Merkels Handy öffentlich machten, wurden gerade erst als „Journalisten des Jahres“ geehrt – soweit her kann es mit der Steuerung der Medien durch die Amerikaner also nicht sein. (Wobei selbstverständlich zu bedenken ist, dass die Auszeichnung auch nur zur Ablenkung verliehen worden sein könnte und auch Merkels Handy womöglich gar nicht abgehört wurde, um so die Unterwanderung der deutschen Medien durch den US-Imperialismus zu kaschieren …)

Auch bei der Berichterstattung zur Krim-Krise hat noch in jeder der unzähligen Talkshows zum Thema vom russischen Botschafter über den unvermeidlichen Peter Scholl-Latour bis hin zu Gregor Gysi ein Verteidiger der russischen Politik Platz gefunden. Und wem der Tenor der meisten Medien in diesem Fall nicht passt, der kann immer noch die Texte Jakob Augsteins auf einer der weitreichenstärksten deutschen Nachrichtenwebsites lesen, deren Miteigentümer Augstein ist.

Nicht, dass es an den Medien nichts zu kritisieren gäbe: Da ist jene Skandal- und Schlagzeilenfixiertheit, die dazu führt, dass vermeintliche „Aufreger“ in immer kürzerer Zeit durchs mediale Dorf getrieben werden; da sind die Liveticker-Auswüchse der Online-Medien, wie sie der Medienjournalist Stefan Niggemeier kürzlich kritisierte (dessen Blog im Übrigen einen guten Überblick über kritik- und diskussionswürdige Entwicklungen in den Medien gibt). Da sind Fernseh-Talkshows, die nach dem immer gleichen Schema, mit den immer gleichen Gästen und Themen funktionieren und deren Erkenntnisgewinn in der Regel gering ist. Dies alles hat jedoch nichts mit Gleichschaltung oder politischer Steuerung zu tun, sondern eher mit den Veränderungen der Medienlandschaft an sich und mit dem Markt, in dem sich die Medien bewegen.

Das Problem: Die Behauptung, die deutschen Medien wären gleichgeschaltet, steht der berechtigen Kritik an ihnen im Weg, weil sie die wahren Ursachen und Probleme negiert. Wie alle Verschwörungstheorien ist sie regressiv und verschließt sich einer auf Veränderung zielenden Analyse.

Natürlich gibt es den Versuch politischer Einflussnahme. Die Absetzung von ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender durch die Unions-Mehrheit im ZDF-Verwaltungsrat sorgte für einen Skandal; in der Folge hat das Bundesverfassungsgericht die Macht von Politikern in Fernseh- und Rundfunkräten begrenzt. Es gibt Anrufe von Politikern in Chefredaktionen, mit der Absicht, Einfluss auf die Berichterstattung zu nehmen – was jedoch, wenn es rauskommt, jedes Mal zu einem veritablen Eklat führt und als verwerfliche Ausnahme von der Regel zeigt: Im Großen und Ganzen funktioniert das mit der Pressefreiheit hierzulande ganz gut.

Bei aller berechtigter und notwendiger Kritik – und auch wenn es fast peinlich ist, dies zu sagen: Wir haben in Deutschland vermutlich eine der besten und vielfältigsten Medienlandschaften der Welt, wo von Junger Freiheit bis Junger Welt noch jeder den Schwachsinn lesen kann, der seine Vorurteile am besten bestätigt.

Am liebsten möchte man all jene, die im Internet munter von der Gleichschaltung der deutschen Medien fabulieren, mal zu einem halben Jahr Berlusconi-Fernsehen und Putin-Presse verdonnern. Aber vermutlich würde selbst das nichts ändern – es muss einfach ein wahnsinniger Reiz darin liegen, sich von höheren, undurchsichtigen Mächten ständig verarscht und verfolgt zu fühlen. Ganz so schlau ist der Michel dann doch nicht. Aber glücklicherweise ist auch dies von der Meinungs- und Pressefreiheit hierzulande gedeckt.

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Mittwoch, 5. März 2014
Der Club der toten Denker
Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, kurz ADS, ist gemeinhin etwas, was man bei kleinen Jungs und Heranwachsenden diagnostiziert. Doch seit Neuestem hat sich im deutschen Feuilleton und der artverwandten Publizistik eine Spielart der nervtötenden Krankheit verbreitet, die vor allem gutbürgerliche Männer um die Sechzig befällt.

Erste Anzeichen dieser gerontologischen ADS-Variante ließen sich vor ein paar Jahren bei den einstigen Großschriftstellern Walser und Grass erkennen, die mit antisemitischen Stereotypen in Wort und Schrift für mediale Aufregung sorgten. Ließen sich die Ausfälle damals noch als singuläre Vorkommnisse verwundert zur Kenntnis nehmen, so haben sie sich mittlerweile zu einer regelrechten Epidemie ausgewachsen. Deren auffälligstes Symptom: eine in Folge langjähriger medialer Präsenz erworbene Schlagzeilensucht, die in Verbindung mit den hyperaktiven Anteilen der Störung zu einer Schreib-Diarrhö in Form von Kolumnen, Büchern und Blogtexten führt.

Egal, ob Harald Martenstein, Matthias Matussek oder Reinhard Mohr: Wie Flitzer, die im Fußballstadion übers Spielfeld keilen, lassen die einstigen Feuilleton-Granden keine Gelegenheit aus, sich öffentlich selbst zu desavouieren, wobei sie auch der Verlust ihrer intellektuellen Rest-Reputation nicht schreckt. Bevorzugtes Thema ihrer geradezu aberwitzigen medialen Krawallsucht ist der Kampf gegen alles politisch Korrekte, sogenanntes „Gutmenschentum“ und „Gleichmacherei“.

So erklärte Matussek in einer selbstverständlich ironisch gemeinten Überschrift: „Ich bin wohl homophob, und das ist auch gut so“, während Reinhard Mohr angesichts der Diskussion um die Berliner Mohrenstraße in einer Radiokolumne argwöhnte: „Hilfe, mein Name ist nicht korrekt!“ Und Harald Martenstein greift sowieso dankbar jedes Thema auf, um von Blackfacing bis Frei.Wild gegen vermeintliche „Denkverbote“ anzuschreiben – was auf kuriose Weise mit der eigenen Denkfaulheit korreliert.

Bereits in einem fortgeschrittenen Stadium der Aufmerksamkeitshuberei scheint sich bekanntlich Thilo Sarrazin zu befinden, der mit „Deutschland schafft sich ab“ zwar das meistverkaufte Sachbuch nach 1945 schrieb und dem die Bild-Zeitung noch für jeden quersitzenden Furz eine Bühne bietet, was ihn jedoch nicht davon abhält, in seinem jüngsten wahndurchzogenen Werk „über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland“ zu schwadronieren.

Dabei weist die Ich-Bezogenheit der genannten Texte neben einer auf Schlagzeilen und Skandale geeichten Medienwelt auf eine weitere Ursache des multifaktoriell bedingten Störungsbilds hin: ein gerüttelt Maß an Eitelkeit der Betroffenen, geradezu mustergültig von Welt-Kolumnist Matussek vorgeführt, der in einer Entgegnung auf den Medienjournalisten Stefan Niggemeier den 15 Jahre jüngeren Kollegen zum publizistischen Schwanzvergleich lädt. Dabei zählt Matussek zunächst zeilengreifend seine beruflichen Stationen und medialen Großtaten auf – zwanzig Bücher, „davon drei Bestseller, die entschlossen quer zu Zeitgeist und Mode stehen, ferner Romane, Kurzgeschichten, TV-Formate“, und: „Jawoll, auch ich stehe in Unterrichtsbüchern“, weshalb sich auch niemand mehr über Deutschlands PISA-Ergebnisse wundern muss –, um sich gegen Ende des Texts schließlich selbst zu zitieren.

Mit der Eitelkeit einher geht offenbar die Kränkung des Alterns, weshalb Matussek nicht nur die LSD-Trips seiner Jugend erwähnt, sondern auch, dass er „alle möglichen Formen der Sexualität erprobt hat“ – wobei ihm die narzisstische Schreib-Onanie offensichtlich am meisten behagt.

Bleibt die Frage, wie sich der ADS-Befall der Alt-Feuilletonisten am besten eindämmen lässt: Sollte man es weiterhin mit der homöopathischen Verabreichung von Argumenten probieren, gegen die sich die Betroffenen meist immun erweisen? Oder warten, bis das Problem sich biologisch löst? Therapie erschwerend ist in jedem Fall, dass die Protagonisten aus ihren Provokationen ein einträgliches Geschäftsmodell machen konnten: So dürfte es Thilo Sarrazin mit seiner Sachbuch-Trilogie „Thilo gegen den Rest der Welt“ zum Millionär gebracht haben – während Harald Martenstein jedes noch so kleine Thema verwertet, das es auf die Tagesordnung einer Bezirksverordnetenversammlung schafft, um mit einem vermeintlichen Tabubruch halbwegs recherchefrei seine Kolumnen zu füllen.

Am wirksamsten wäre vermutlich eine Schocktherapie, bei der Medien und Öffentlichkeit die Betroffenen mit Aufmerksamkeit verschonen – was indes gar nicht so einfach ist. Es ist ein bisschen wie bei einem Autounfall: Man kann einfach nicht aufhören hinzusehen.

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Letzte Änderung: 30.04.14 15:59
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