zweifelturm
Montag, 29. Juni 2015
Der Sommer (vor 25 Jahren), in dem ich Weltmeister wurde

"Nur eine Chance hatte ich: mich an das zu gewöhnen, was ich als Angriff erlebte." (Friedrich Christian Delius)

Im Sommer 1990 bestand ich das Abitur und Deutschland gewann die Fußball-Weltmeisterschaft – es war die perfekte Symbiose: Wir hatten keine Schule mehr und konnten uns der WM in vollem Umfang widmen; wir feierten, tranken und fühlten uns frei.
Ich erinnere mich an das Vorrundenspiel gegen die Vereinigten Arabischen Emirate, das wir in der kleinen Weddinger Hinterhofwohnung meines Freundes Harry sahen, dem Einzigen von uns, der schon alleine wohnte. Vor dem Spiel vereinbarten wir, auf jedes deutsche Tor einen Schnaps zu trinken – Deutschland gewann 5 zu 1. Ich erinnere mich an das skandalträchtige Achtelfinale gegen Holland, bei dem Rudi Völler erst bespuckt wurde und dann vom Platz flog – hinterher trafen wir uns an der Weinbude auf dem Rüdi, spürten dem Adrenalin in unseren Körpern nach, echauffierten uns über Gegner und Schiri. Ich erinnere mich an das Elfmeterschießen im Halbfinale gegen England, nach dem wir „Diego, Diego – ha, ha, ha!“ rufend über den Breitscheidplatz zogen, voller Vorfreude auf das Finale.
Zwischendurch bekamen wir unsere Abschlusszeugnisse, fuhren auf Abifahrt, feierten unsere Abi-Party in der Diskothek Shugar, in einer Seitenstraße des Ku‘damm. Wir hatten das Gefühl, die Welt stünde uns offen – und wahrscheinlich war‘s so ja auch. Am Ende haben wir dann doch nur gemacht, was man halt so macht: Beim Abi-Scherz die Schultür mit Telefonbüchern verrammelt, Unmengen an Tequila und Bier in uns reingeschüttet; in den anschließenden Sommerferien fuhr ich mit meiner Freundin auf Interrail-Tour – die übliche Route über Paris und Biarritz an die Algarve –; als ich wieder zurückkam, war der kurze Sommer der Freiheit vorbei. Ich fragte mich, was ich mit meinem Leben anstellen sollte, das da so groß und gefährlich vor mir lag.
Und auch die Freude über den WM-Gewinn währte nicht lange, genau genommen war sie bereits eine halbe Stunde nach Spielschluss vorbei: Das Finale hatte swe Großteil unseres Abi-Jahrgangs in den Gemeinschaftsräumen der Wilmersdorfer Lindenkirche gesehen; anschließend fuhren wir mit der U-Bahn zum Ku‘damm. Bereits auf dem U-Bahnhof Rüdesheimer Platz drängten sich die Massen, irgendwer stimmte „Deutschland, Deutschland über alles“ an, immer mehr fielen mit ein. Als ich – mit einer DDR-Fahne ausgestattet – dazwischen pfiff, raunzte einer mich an: „Du hast hier janischt zu melden.“
Auf dem Ku‘damm angekommen, goss es in Strömen; angesichts des nationalen Taumels wollte ich nur noch weg. Die Schule beenden und Weltmeister werden – darauf hatte ich also meine ganze Kindheit und Jugend lang hingefiebert. Schöne Scheiße!

... Link (0 Kommentare) ... Comment


Samstag, 20. Juni 2015
Buch-Trailer

Mein Buch „Erben der Erinnerung“ in drei Worten.

... Link (0 Kommentare) ... Comment


Dienstag, 17. März 2015
Indie-Autor-Preis für "O Jugend, o West-Berlin"

Mit meinem E-Book „O Jugend, o West-Berlin“ habe ich beim Indie-Autor-Preis 2015 den 2. Platz belegt. Leider stand der Laudator während der Preisverleihung auf der Leipziger Buchmesse im Stau. Die Laudatio von Marco Verhülsdonk, Leiter E-Book und Online beim KiWi-Verlag, gibt's daher jetzt exklusiv hier.

Mitten im 2012er Reunion-Konzert von Plan B, einer Berliner Rockband die immerhin mal Vorgruppe der Ramones war, sieht sich ein glücklich tanzender und mitsingender 40jähriger im Publikum unter Seinesgleichen um und stellt fest: “Wahrscheinlich sind hier zu 90 Prozent Westberliner. Und, nein an dieser Stelle nichts gegen Zugezogene oder Touristen – aber für einen Moment möchte man trotzdem ganz still werden und atmen und denken: So war’s! Wir wissen was wir hier teilen (…) das ist meine 80er Jahre Party, und klar bin ich ein sentimentaler Hund, aber ich würde sogar meine Riester Rente vesetzen, wenn ich dafür noch mal ein paar Tage ins alte Westberlin reisen könnte“ – gemeint ist jenes unfertige unvollkommene geteilte Berlin, das ihm im Nachhinein „wie ein Auslaufplatz für Fantasien und Illusionen“ vorkommt. Und weiter: „Die Vergangenheit ist nichts, was einfach so endet. Denn was, wenn nicht die Summe unserer Erinnerungen, macht uns aus? Was macht uns zu denen, die wir sind?“

Der, der an diesem Reunion-Abend im Zeichen einer untergegangen Zeit in einer untergegangenen Stadt so fragt und empfindet ist Philip Meinhold. Freier Journalist, Schriftsteller und der Autor des eBooks „O Jugend, O West-Berlin“, das ich hier im Namen der Jury des Indie Autor Preises loben möchte. Dies fällt mir leicht, nicht nur weil auch ich Plan B als Vorgruppe der Ramones gesehen habe, sondern weil Philip Meinhold mit „O Jugend, O West-Berlin“ ein sehr gut geschriebenes, unsentimentales, doppeltes Erinnerungsbuch gelungen ist.

Doppelt gemäß einer Aussage von Alexander Kluge, nach der nicht nur Menschen sondern auch Gegenstände und Landschaften Lebensläufe haben. Denn in dieser Textsammlung spiegeln sich vier Jahrzehnte persönliche Geschichte und die Entwicklung Berlins: Der Autor, ausgestattet mit einem dezidiert Westberliner Lebensgefühl, wird nach und nach zum Zeitzeugen einer Stadt, die sich Stück für Stück ändert, von der provinziellen, leicht miefig und verkehrsberuhigt anmutenden Großstadtinsel der 70er und 80er Jahre über die Metropole nach dem Mauerfall bis zur heutigen Partyhauptstadt der westlichen Welt. Und so verknüpft sich in diesem Buch die Biographie des Autors mit der seiner Stadt.

Ganz chronologisch erinnert sich Philip Meinhold zunächst an eine Kindheit und Jugend in den 70/ 80er Jahren, an die Lektüre des Quelle-Katalogs und an die des "Fänger im Roggen". Vor allem an West-Berlin: An Eberhard Diepgen und die Deutschlandhalle, an seine Musiksozialisation bei der „Hey Musik“ Radioshow aus dem Haus des Rundfunks, an das Turmstraßenfest und den Karneval der Kulturen, an die für alle Berliner obligatorischen Besuche auf der Grünen Woche und an jene in der sozialistischen Sesamstraße namens Grips Theater, an die Junge Union, an die für Westberliner Fußballvereine typische Mischung aus Größenwahn und Missmanagement, an das Gegen- und Nebeneinander der Jugendkulturen sowie an das für den Pubertierenden nicht minder verwirrende Big Sexyland.

Der Autor schaut jedoch nicht nur in die Vergangenheit, er richtet den Blick auf den fortwährenden Wandel einer Stadt, deren Differenz zwischen Damals und Heute Merkwürdigkeiten produziert: „Wenn man das Berlin von heute mit dem Blick von damals ansieht, dann wirkt es wie eine Zukunftsvision aus einem Seyfried-Cartoon: der Springer Verlag sitzt in der Rudi Dutschke Straße, auf dem einst besetzten Lenné-Dreieck ragen Hochhäuser von Daimler, Sony und Deutscher Bahn in den Himmel und vor dem Reichstag gibt es eine U-Bahn-Station namens Bundestag“. Mit dem an der Vergangenheit geschulten Blick bewegt Meinhold sich entlang des Berliner Sozialäquators, bereist Ostberlin mit einem alten Baedeker Reiseführer, hält eine launiges Plädoyer für das ewig unhippe Moabit, besichtigt die Hölle der neuen Szeneviertel Neukölln und Kreuzberg („die Rache der Spanier für Mallorca“), nur, um sich abschließend – ganz Berliner, der er ist - selbst zu beruhigen: "Diese Stadt hat so viel mitgemacht in den vergangenen Jahrzehnten, war Ausgangspunkt von Krieg und Empfänger der Quittung, hat Blockade, Teilung und Vereinigung erlebt, sie wird auch diesen Hauptstadthype überstehen. [...] Unkraut, denke ich, vergeht nicht, und das ist ein schöner Gedanke."

Insgesamt sind die Texte wie Erinnerungen nun mal sind: bruchstückhaft, sprunghaft und subjektiv. Mal nostalgisch und wehmütig (wie der Titel es verheißt), dann wieder polemisch und wütend, bisweilen mit einem Hauch Selbstironie und nie ohne Witz.

Die Entscheidung, dieses Sachbuch auszuzeichnen, fiel also aufgrund der Qualität der Texte, die sich zu einem kaleidoskopischen Berlin-Erinnerungsbuch fügen. Und, gestatten Sie mir diese Anmerkungen, vielleicht hat die handwerkliche Qualität dieser essayistischen Betrachtungen, Reportagen, Glossen und Kolumnen außer mit dem Können des Autors auch damit zu tun, dass die meisten der hier versammelten Texte bereits in verschiedenen Zeitungen erschienen sind, in der taz, Jungle World, brand eins und Frankfurter Rundschau --- und also professionell redigiert und in einem Lektorat veredelt wurden. Schließlich überzeugt auch die klare Marketingausrichtung: eine Anzeigen-Kooperation mit dem Berliner Stadtmagazin Zitty: Das E-Book (2.99€) enthält eine Zitty-Anzeige, dafür erschienen in vier Ausgaben der zielgruppenaffinen Zitty Anzeigen für das Buch. Und neben eigener PR über das Autoren Facebook-Profil, auf Twitter sowie seinem Blog gab der Autor auch Radio-Interviews zum Buch bei Flux.FM und 88.44 und Lesungen in Kreuzberg.

Bleibt mir nur mit den Ramones zu sagen: Hey ho, let’s go!

Und: Herzlichen Glückwunsch, lieber Herr Meinhold, zu diesem kurzweiligen und erhellenden biografischen Berlin Bummel und zum 2. Platz des Indie Autor Preises 2015!

(Marco Verhülsdonk)

... Link (0 Kommentare) ... Comment


Online for 910 days
Last modified: 29.06.15 10:08
Status
Sie sind nicht angemeldet
Main Menu
Suche
Calendar
September 2015
MoDiMiDoFrSaSo
123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
282930
Juni
Kommentare
Oh, vielen Dank! Das freut
mich - und ich hoffe, das Buch hält dem...
philipmeinhold, vor 7 Monaten
als spross eines naziclans
hab ich jahrzehntelang meinen schuldkomplex abgearbeitet war 1987 zwei wochen...
wilhelm peter, vor 7 Monaten
Moabit Ich verstehe den Hintergrund
für den Artikel sehr gut. Dennoch bleibt zu behaupten, die...
Mario Murer, vor 11 Monaten
Hach, ja! Schön, war's!
philipmeinhold, vor 1 Jahr
Randnotiz: Der Plus in
der Stromstraße, 2002
Mama, vor 1 Jahr
Ja. Beknackt
ist ja auch, daß in den Townhouses die Wohnungen plötzlich senkrecht statt...
stralau, vor 1 Jahr
ich kenne keinen Investor, der
bereit ist, großzügige Räume im historischen Bestand (etwas Dachräume)...
Kalkspazz, vor 1 Jahr
Können Sie nicht in den
Schrank der Großeltern ziehen? Dann sind die Sachen auch...
philipmeinhold, vor 1 Jahr
Ja! Ja! Ja! Hier in
Frankfurt gibt es ja das neue "Europaviertel", von mir...
andreaffm, vor 1 Jahr
ja es ist auch gutes
übriggeblieben man erkennt an dem posting allzudeutlich dass nicht...
wilhelm peter, vor 1 Jahr
bin 60 und ziehe mir
den schuh an selten so gelacht tolle polemik lsd...
wilhelm peter, vor 1 Jahr
Oh, nein! Das kommt davon,
wenn man aufgehört hat, das Kino-ABC nach Hitchcocks zu...
philipmeinhold, vor 1 Jahr
"Blackmail" "Blackmail" lief am 28.
Juni 2011 im Babylon Mitte mit Live-Orgelbegleitung. Großartig!
donegal68, vor 1 Jahr
unabhängigkeit Hallo Herr Meinhold,
leider beleuchtet auch ihr hier verfasster Artikel die Problematik nicht wirklich....
medionso, vor 2 Jahren
Wir brauchen einen ÖR... ...
aber diesen nicht. Siehe die Beiträge oben. Ich bin überhaupt...
uessen, vor 2 Jahren
Nein... Nein, nein, nein! Mein
persönliches Nutzungsprofil des ÖR ist ziemlich überschaubar: Von selber eigentlich...
Enter, vor 2 Jahren
Alternativen Hallo Herr Meinhold !
Ich kann Abhilfe schaffen, um die Angst vor Tellerrändern (und...
rugay, vor 2 Jahren
Meinen Sie diesen Schönenborn? http://www.politaia.org/internet-und-medien/putin-lasst-gez-schonenborn-auflaufen/
Ich kann GEZ-Steuern mit meinem Gewissen nicht vereinbaren. Ihr Beitrag...
Infoliner, vor 2 Jahren
Die Graffiti-Analogie verstehe ich nicht.
Zur "Verbeamtung": Das ist ja ebenfalls eines der Vorurteile...
philipmeinhold, vor 2 Jahren
Betriebsblind. Die Leute regen sich
nicht über die sagenhafte Programmvielfalt eines Qualitätsmediums auf, sondern, über...
Scriptmaster, vor 2 Jahren
Ihre Ausführungen ähneln denen eines
15-Jährigen, der bei seiner "Grafitti-Kunst" erwischt wurde und nun...
bernd23, vor 2 Jahren
Und damit sind die GEZ-Hasser
dann in der Gesellschaft, die zumindest die undifferenzierte Kritik...
philipmeinhold, vor 2 Jahren
derselbe Fehler "Und dafür zahle
ich GEZ!" ist also nicht hilfreich und reichlich abgedroschen? Gleiches...
ThomasL, vor 2 Jahren
ich mach mir die welt
wie sie mir gefällt.. aus pipi langstrumpf,eine serie die ich...
neuheide, vor 2 Jahren
Die Vorwürfe, nach der das
öffentlich-rechtliche Fernsehen ganz böse sei, kommen ja in der...
zahnwart, vor 2 Jahren

RSS feed

Made with Antville
Helma Object Publisher