zweifelturm
Montag, 15. September 2014
Coming of age … and you don‘t stop!
Am Anfang steht eine Liste von – aus dem Kopf heraus – 20 Büchern. Mein Freund und Kollege Bov hat mich für die #10BooksChallenge nominiert. Sprich: Ich soll bei Facebook zehn Bücher kundtun, die mich geprägt, beeindruckt, wasauchimmer haben. Schnell wird klar: Es sind nicht unbedingt die literarisch bedeutenderen Bücher, die sich durchsetzen können – im Grunde schreibt sich meine Liste ganz von allein. Nicht Goethes Werther, Schnitzlers Traumnovelle oder Büchners Lenz, die ich allesamt toll find, stattdessen: Bücher, die dafür gesorgt haben, dass ich schreiben will; die mich in meinem Schreiben beeinflusst haben – und wenn nicht dies, so zumindest in der Wahl meiner Zigarettenmarke. Und mehr kann man ja wohl von Literatur nicht verlangen. Hier die zehn Bücher, die mir mehr bedeuten, als dass sie bloß gut sind:

1. J.D. Salinger: Der Fänger im Roggen
2. Ulrich Plenzdorf: Die neuen Leiden des jungen W.
3. Charles Bukowski: Das Schlimmste kommt noch – oder Fast eine Jugend
4. Jörg Fauser: Rohstoff
5. Erich Kästner: Doktor Erich Kästners lyrische Hausapotheke
6. Hans Fallada: Ein Mann will nach oben
7. Tom Crepon: Leben und Tode des Hans Fallada
8. Thommie Bayer: Das Herz ist eine miese Gegend
9. Philippe Djian: Rückgrat
10. Ruth Klüger: weiter leben

(Am Ende doch erstaunlich konsistent, wie mich dünkt: Coming of age … and you don‘t stop!)

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Freitag, 29. August 2014
Der Nächste, bitte!
Darf‘s ein Iced Flat White sein? Im großen Berliner Szenekiez-Roulette ist die Kugel jetzt bei Moabit liegen geblieben. Obwohl ich viele Jahre genau darauf gesetzt hab, will ich den Gewinn nicht mehr haben.

Vor gut zehn Jahren schrieb ich für ein großes Berliner Stadtmagazin einen Artikel über Moabit, in dem ich den Lesern das Viertel als einen lebenswerten Kiez andiente. Ich lobte den Tiergarten, den Plötzensee, die Lage, die Mieten – meine These: Moabit habe das Potenzial zum Szenebezirk. Damals wurde man noch angesehen, als käme man von einem anderen Stern, wenn man sagte, dass man hier wohne. Es gab keine Touristen, keine Clubs, keine Szenekneipen – und so gut wie nie kam einer meiner Freunde hierher, um sich mit mir zu treffen. Der Name des Viertels wurde allenfalls mit unschönen Wortverbindungen assoziiert: Justizvollzugsanstalt, Kriminalgericht, Krankenhaus. Hier gab es das Hauptquartier der Berliner Hells Angels, die Drogen- und Trinkerszene im Kleinen Tiergarten – und im Memory II (Sektfrühstück für 6,50 Mark) wurde sogar mal einer erschossen.

Bei Plus an der Stromstraße konnte sich nicht einmal die Wursttheke halten, weil das Geld der Anwohner gerade mal für die abgepackte Mettwurst reichte; und zwischen all den holzgetäfelten Eckpinten und einer handvoll gutbürgerlicher, aber sterbenslangweiliger Cafés gab es genau eine Kneipe, in der sich der angenehme Teil der Nachbarschaft traf. Wir passten an einen Tresen.

Doch trotz meines beschwörenden Artikels tat sich hier viele Jahre lang nichts, außer dass ein Internetcafé öffnete, während ein anderes schloss, und die Stromstraße versuchte, in Sachen Spielcasinodichte Las Vegas den Rang abzulaufen.

Als dann tatsächlich die ersten Vorboten der Veränderung kamen, nahmen wir Alteingesessenen diese halb belustigt, halb erstaunt zur Kenntnis: Am S-Bahnhof Westhafen eröffnete ein Hostel (Haha!); in der sanierten Markthalle gab es statt Currywurst und Engelhardt jetzt Bio-Burger und selbstgebrautes Bier (Warum nicht?); und auf der Brache der ehemaligen Paechbrot-Fabrik machte sich ein Einkaufszentrum namens Moa-Bogen breit, mit Fitnessstudio, Berlins größtem Asia-Buffet und Hotel – sowie einem Supermarkt mit riesiger Frischtheke für Wurst, Käse und Fisch (also doch!).

Seit ein paar Monaten geht es nun Schlag auf Schlag: Eine Coffee Bar verkauft Iced Chai, Blended Espresso und – whatever that means – Iced Flat White; direkt daneben eröffnet demnächst ein Second Hand Store für Edeltrash. Auf Stromkästen werben Plakate für eine Elektro-Party namens „Klangtherapie Moabit“ (mit DJ vom Tresor und dem Suicice Circus), sogar Barhopping kann man betreiben: Es gibt eine Tapas-, eine Nobel- und zwei Hipsterbars, letztere mit den üblichen unverputzten Wänden, zusammengeklaubten Wohnzimmermöbeln und einem Getränkeangebot von Mate Jäger bis Aperol Spritz. Dort, wo sich einst eine der ranzigsten Imbissbuden West-Berlins befand, kann man sich jetzt statt „Pommes rot-weiß“ ein Frühstücksangebot in den Geschmacksrichtungen herzhaft, vegetarisch und vegan bestellen. Was ist nur mit der guten, alten Asozialität geschehen? Man hört das Geräusch von Rollkoffern auf Kopfsteinpflaster, Englisch, Französisch – das dümmste Gewäsch verstehe ich zum Glück nur auf deutsch („Sie wollte ihn pushen, damit er sich als Künstler etablieren kann. Er ist immer so negativ.“)

Vor zehn Jahren hätte ich mich über jede einzelne dieser neuen Lokalitäten und Läden gefreut – und ein wenig tue ich das zugegebenermaßen noch immer: ein Kulturzentrum! Eine Bar! Ein Café! Doch die Zeit der ungetrübten Freude ist, was diese Dinge angeht, seit ein paar Jahren vorbei. Wir wissen, was das bedeutet: die Mieten! Die Monokultur! Dieser Hype! Wahrscheinlich ist es hier die nächsten zwei, drei Jahre ganz nett, fünf weitere bezahl- und aushaltbar. Danach kommen die Junggesellenabschiede, die Bierbikes, und einem wird in den Hausflur gereiert. Mieter ohne Altverträge und erkleckliches Einkommen können nach Reinickendorf, Marzahn und in die Uckermark ziehen.

Mein Artikel für das Stadtmagazin vor zehn Jahren endete übrigens mit dem Satz: „Wahrscheinlich, ist es das, was mir hier am besten gefällt: dass Moabit Szenebezirk werden könnte. Aber es wohl niemals wird.“ Mein Gott, ich war jung und naiv.

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Donnerstag, 21. August 2014
Immobilien des Grauens
Wenn von der vielzitierten Gentrifizierung die Rede ist, dann geht es meist um explosionsartig steigende Mieten, die Verdrängung kultureller Einrichtungen aus einem Kiez, den mit der Aufwertung verbundenen Austausch ganzer Nachbarschaften. So gut wie nie geht es dabei um ästhetische Fragen, obwohl diese doch eigentlich am offensichtlichsten sind – sprich: um die architektonische Verschandelung unserer Stadt.

Immer wieder passiert es mir in letzter Zeit, dass ich in eine Gegend komme, in der ich eine Weile nicht war, und mit Schrecken feststelle, dass ein weiterer Häuserblock oder Straßenzug mit jenen loftartigen Luxuswohnungen verbaut ist, die angeblich für stilvolles Wohnen stehen. Überall die gleichen sterilen Fassaden aus Glas und Stahl, riesigen Balkone und Fensterfronten – ein glatt gebügelter Einheitslook, so als würde „Germany‘s Next Top Model“ neuerdings Häuser casten. Wie Hunde, die ihre Gegend markieren, hinterlassen Investoren, Projektentwickler und Architekten diese Immobilien des Grauens an jeder Ecke der Stadt.

Mit der Loftwohnung, wie wir sie aus den Siebziger- und Achtzigerjahren kennen, hat ihr neureicher Namensvetter dabei so gut wie nichts mehr gemein – im Gegenteil: Waren Lofts damals improvisierte Wohnungen in ehemaligen Gewerbegebäuden, in denen vornehmlich Künstler Wohnen und Arbeit miteinander verbanden, so handelt es sich heute um aufwändig modernisierte alte Fabrikhallen mit Fußbodenheizung, Luxusbad und repräsentativem Kamin oder um gänzlich neu errichtete Bauten. Ein Ego-Back-Up für Menschen, denen ihr SUV nicht genügt.

Dabei muss man nicht mal die absurdesten Auswüchse wie das Kreuzberger Carloft bemühen, bei dem man seinen Mercedes mittels Fahrstuhl mit in die Wohnung nehmen kann, um festzustellen, dass Geld und Stil nicht zwangsläufig im gleichen Haus wohnen. Drinnen geht es meist so pseudo-dekadent weiter wie draußen: Zimmer im klassischen Sinne gibt es nicht (so als könnte man sich nach der Dusche mit Rainshower und den elektrischen Markisen keine Wände mehr leisten); bis auf ein winziges Schlafzimmer und das Bad ist die Wohnung vollkommen offen. Was auch zeigt, für wen diese garantiert nicht gedacht ist: für Familien, Freunde oder WGs – stattdessen für besserverdienende Paare, die sowieso kaum zu Hause sind, weil der ganze Klimbim ja finanziert werden muss, sowie für gutbetuchte Auswärtige, die das Ganze eher als Wertanlage anstatt als Wohnraum verstehen.

Städtebaulich flankiert wird die Flachdacharchitektur von der biederen kleinen Schwester des Luxuslofts namens „Townhouse“, das die Kleinbürgerlichkeit eines Reihenhauses mit dem Auftritt des Snobs verbindet – eine unangenehme Kombination. Wobei das Störende nicht das einzelne Loft oder Townhouse ist, sondern die stadtweite Uniformität dieses – im Investorensprech – vorgeblich „individuellen Wohnens“. Dazu die Bürobauten, Bettenburgen, Einkaufscenter – es ist die „Zeit der trostlosen Investoren-Architektur“, wie Spiegel-Redakteur Georg Diez es nennt, „ein Nichts von spätkapitalistischer Tristesse“.

Es war der Filmemacher Alexander Kluge, der darauf verwies, dass nicht nur Menschen Lebensläufe besitzen, sondern auch Gegenstände und Gebiete. Die Biographie Berlins beispielsweise besteht – wenn man die Schaffung einer einheitlichen Stadtgemeinde als Ausgangspunkt nimmt – aus etwa zwölf Generationen. Doch statt die Vergangenheit in der gewachsenen städtischen Architektur präsent zu halten, verwandeln wir Kieze mit Charme und eigenem Charakter Straße für Straße, Haus für Haus, in gesichts- und geschichtslose Gegenden, die austauschbar sind. Geradezu zynisch liest sich da das wandhohe Zitat Karl Foersters im Eingangsbereich einer Luxusresidenz an der Schönhauser Allee: „Seltsam wie das Leben rauscht und auch am alten Orte immer wieder völlig neu ist.“

Und so brauchen wir neben Milieuschutz, Mietpreisbremse und Zweckentfremdungsgesetz vor allem das öffentliche Bewusstsein, dass die Vielfalt zum Charakter dieser Stadt gehört. Und dieser spiegelt sich nicht zuletzt in ihrer Architektur.

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Letzte Änderung: 15.09.14 23:48
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Kommentare
Moabit Ich verstehe den Hintergrund für den Artikel sehr gut. Dennoch bleibt zu behaupten, die...
Mario Murer, vor 14 Tagen
Hach, ja! Schön, war's!
philipmeinhold, vor 24 Tagen
Randnotiz: Der Plus in der Stromstraße, 2002
Mama, vor 24 Tagen
Ja. Beknackt ist ja auch, daß in den Townhouses die Wohnungen plötzlich senkrecht statt...
stralau, vor 32 Tagen
ich kenne keinen Investor, der bereit ist, großzügige Räume im historischen Bestand (etwas Dachräume)...
Kalkspazz, vor 32 Tagen
Können Sie nicht in den Schrank der Großeltern ziehen? Dann sind die Sachen auch...
philipmeinhold, vor 32 Tagen
Ja! Ja! Ja! Hier in Frankfurt gibt es ja das neue "Europaviertel", von mir...
andreaffm, vor 32 Tagen
ja es ist auch gutes übriggeblieben man erkennt an dem posting allzudeutlich dass nicht...
wilhelm peter, vor 169 Tagen
bin 60 und ziehe mir den schuh an selten so gelacht tolle polemik lsd...
wilhelm peter, vor 201 Tagen
Oh, nein! Das kommt davon, wenn man aufgehört hat, das Kino-ABC nach Hitchcocks zu...
philipmeinhold, vor 299 Tagen
"Blackmail" "Blackmail" lief am 28. Juni 2011 im Babylon Mitte mit Live-Orgelbegleitung. Großartig!
donegal68, vor 299 Tagen
unabhängigkeit Hallo Herr Meinhold, leider beleuchtet auch ihr hier verfasster Artikel die Problematik nicht wirklich....
medionso, vor 528 Tagen
Wir brauchen einen ÖR... ... aber diesen nicht. Siehe die Beiträge oben. Ich bin überhaupt...
uessen, vor 529 Tagen
Nein... Nein, nein, nein! Mein persönliches Nutzungsprofil des ÖR ist ziemlich überschaubar: Von selber eigentlich...
Enter, vor 533 Tagen
Alternativen Hallo Herr Meinhold ! Ich kann Abhilfe schaffen, um die Angst vor Tellerrändern (und...
rugay, vor 533 Tagen
Meinen Sie diesen Schönenborn? http://www.politaia.org/internet-und-medien/putin-lasst-gez-schonenborn-auflaufen/ Ich kann GEZ-Steuern mit meinem Gewissen nicht vereinbaren. Ihr Beitrag...
Infoliner, vor 533 Tagen
Die Graffiti-Analogie verstehe ich nicht. Zur "Verbeamtung": Das ist ja ebenfalls eines der Vorurteile...
philipmeinhold, vor 534 Tagen
Betriebsblind. Die Leute regen sich nicht über die sagenhafte Programmvielfalt eines Qualitätsmediums auf, sondern, über...
Scriptmaster, vor 535 Tagen
Ihre Ausführungen ähneln denen eines 15-Jährigen, der bei seiner "Grafitti-Kunst" erwischt wurde und nun...
bernd23, vor 535 Tagen
Und damit sind die GEZ-Hasser dann in der Gesellschaft, die zumindest die undifferenzierte Kritik...
philipmeinhold, vor 535 Tagen
derselbe Fehler "Und dafür zahle ich GEZ!" ist also nicht hilfreich und reichlich abgedroschen? Gleiches...
ThomasL, vor 535 Tagen
ich mach mir die welt wie sie mir gefällt.. aus pipi langstrumpf,eine serie die ich...
neuheide, vor 535 Tagen
Die Vorwürfe, nach der das öffentlich-rechtliche Fernsehen ganz böse sei, kommen ja in der...
zahnwart, vor 535 Tagen
Die ÖR machen jeden Tag meinen Stuhl hart und fest.
saunabiber, vor 535 Tagen
Die ÖR sind schuld dass ich das Internet nicht bedienen kann Laut SIPRI (Stockholm International...
Lars T., vor 535 Tagen

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